“Wir reden in der Werbepause!”

Als gebildeter Mensch sollte man niedere Tätigkeiten nicht verrichten. Auch der sich in breiten Teilen der bildungslosen - oder sagen wir besser bildungssuchenden - Bevölkerung großer Beliebtheit erfreuende Sofasport vor dem heiligen Fernsehgerät wäre dieser Maxime nach eine Absage zu erteilen. Geboten erscheint lediglich die Präsenz von Intellektuellen im Fernsehprogramm, um der flächendeckenden Verblödung wenigstens etwas Raum und Sendezeit streitig zu machen und den Mob zu mündigen Menschen zu erziehen.

Doch da die geistige Elite in diesem Land der ebenso staatstreuen Mehrheit bekanntlich ohnehin nach dem Mund redet, sodass Elite und Mob sich nur anhand von Kreditkarte und Doktortitel unterscheiden, ist der Nutzen solcher Unternehmungen freilich obsolet. Womit wir wieder beim Tabu des Fernsehkonsums sind. Ein Tabu, dass, wie die folgenden Zeilen zeigen werden, ab und an von mir nicht nur gebrochen, sondern auf schändlichste Art und Weise der Lächerlichkeit preisgegeben wird.

Nun könnte ich das Geständnis abzulegen elegant umfahren und mich auf den bereits erwähnten geistigen Totalausfall herausreden. Wenn es nach Adorno sinngemäß nichts Richtiges im Falschen gibt, dann wäre fernsehen auch nicht weniger verwerflich als schlaue Bücher zu lesen und kluge Texte zu schreiben. Doch derart nihilistisch war der minimalmoralische Meisterdenker nun auch wieder nicht. Ich stelle mich also nun dem Tribunal Ihrer moralischen Urteilskraft und schwöre die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen.

Zunächst gestehe ich erneut, zwar selten und auch oft verführt, den Fernseher einzuschalten und dem verdoppelten Wahnsinn meine zweigeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Ein Teil nämlich beobachtet stets spottend und herablassend den anderen, der dann mit zunehmender Lautstärke des Hohns ignorant einfach den Ton lauter stellt. Dabei sind es vor allem Spielfilme und Fußballspiele, sowie Independent-Formate wie dies und jenes, die mein Bedürfnis nach Zerstreuung und sinnloser Unterhaltung zu befriedigen verstehen.

Doch es kommt noch schlimmer. Fast die komplette Staffel der äußerst erfolgreichen Castingshow mit den zumeist erfolglosen Bands, die sich Popstars schimpft, habe ich mir vorsätzlich zu Gemüte geführt. Gemeinsam mit meiner Freundin verfolgte ich seit mehreren Monaten, wie der inoffizielle Weltrekord im automatisierten Augenwasserlassen gebrochen wurde, wie Dance-Detlef Soost eloquent und humorvoll Bienchen und Bienenstiche verteilt und wie von abertausenden Mädchen schlussendlich nur noch drei übrig geblieben sind.

Objektiv betrachtet dennoch so langweilig wie Gras beim Wachsen zuzuschauen, keine Frage. Meine subjektive Empfänglichkeit für diesen Unsinn jedoch zu negieren, käme einem Meineid gleich. Vielleicht ist es der Wiederholungszwang des Todestriebs, der mich jeden Donnerstag um Viertel nach Acht vor den Fernseher fesselte. Ein autoaggressives Zwangsverhalten also, dass der frühkindlichen Sucht nach der immergleichen Gute-Nacht-Geschichte gleicht und in der Summe einer ganzen Branche ihren Broterwerb sichert.

Das Konzept ist außerdem nicht nur dem anderer Castingshows identisch, sondern auch dem Streben und Suchen nach dem Liebesglück nicht unähnlich: Erst verabschiedet man sich höflich von den Talentfreien, dann sortiert man erbarmungslos die Hässlichen aus, um schließlich unter lauter Schönheiten die Anzahl der Talentreichsten in zahlreichen Prüfungen zu dezimieren. Der wurde, was sich mit der Hegemonie der Monogamie selbstverständlich schlecht verträgt.

Meine Freundin und ich, die wir eine monogame Beziehung führen, kompensierten dies möglicherweise mit dem Verfolgen dieser Selektion. Der Kürze und Würze unserer gemeinsamen Zeit gewahr, kommunizieren wir normalerweise miteinander und tauschen uns über relevante und triviale Dinge aus. Nur wenn Popstars lief, stellten wir die Axiome von Watzlawick auf den Kopf. Dann hieß es nämlich im Einvernehmen unserer beiden sonst nimmermüden Münder: „Wir reden in der Werbepause!“ Tatsächlich herrschte dann solange Stille, bis die Bekanntgabe eines der wöchentlichen Gewinnspielsiegers die Reklame ankündigte.

Gott sei dank aber hat alles ein Ende. Zahnschmerzen, Liebeskummer, aber auch Sendungen wie Popstars zollen irgendwann der Endlichkeit Tribut und lösen sich im Nichts auf. Vergangenen Donnerstag entschied die Jury gemeinsam mit dem bildungssuchenden Publikum dann über alles und doch nichts. Wer kommt in die neue Band Monrose und tritt die undankbare Aufgabe der Nachfolge der No Angels an, wer sind also die neuen Engel und wer wird dem Dämon der schnelllebigen oder besser schnellsterbenden Musikindustrie früher oder später zum Opfer fallen? Ich für meinen Teil habe wenigstens an der Telefonabstimmung nicht partizipiert. Ein Grund für mildernde Umstände?

Comments (1) to ““Wir reden in der Werbepause!””

  1. Mildernde Umstände könnte man vielleicht in Betracht ziehen, wenn du jetzt noch die Pointe nachreichen würdest, dass dein Augenlicht immer mehr nachlässt und du kaum noch etwas hören kannst…

    Aber so?

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