Atomkraftgegner, nein Danke!

Wer kennt sie nicht, diese unsäglichen Castoraktivisten? Schlecht gekleidet aber ökologisch bewusst, hocken sie in ihren WG`s, kochen gemeinsam Tofu und ärgern sich, weil sie eigentlich lieber ein Schweineschnitzel auf dem Teller hätten. Vielleicht auch um das zu verdrängen, saufen sie dann jeden Abend mit ihrer Ersatzfamilie und tüfteln nebenbei neue Strategien aus, um beim nächsten Castortransport den großen Wurf zu landen und endlich einmal ins Fernsehen zu kommen. Mutti und Vati sind dann hoffentlich stolz, sodass man die miefende Wohngemeinschaft endlich verlassen und wieder zuhause einziehen darf. 
 
Aber erzählen sie das mal einem dieser Graswurzelanarchisten! Der wird Ihnen diese Psychologisierung damit zu widerlegen glauben, dass er auf die gesellschaftliche Notwendigkeit einer Protestaktion in Zeiten wie diesen beinahe realpolitisch - kein Wunder, schließlich sitzen seine Genossen bei den Grünen - verweist. Möglicherweise haut Ihnen der militante Mediator aber auch einfach auf die Fresse. Die gerne im Munde geführte Rede vom Gewaltverzicht ist nämlich nur ein leerer Begriff. Wo auf Gewalt verzichtet werden muss, ist das Potential dazu nicht nur einfach vorhanden, sondern Risiko und Drohung zugleich.   

Der Adressat ist der Anarchisten wie Liberalen gemeinsame Feind, der Staat. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass letztere den Rechtsstaat und damit den Schutz des Einzelnen vor der Masse erhalten und einfordern, der den Anarchisten so indifferent wie ihre Körperpflege ist. Deswegen werden sie von Liberalen in der Regel auch nicht gemocht. Ob diese Ablehnung die Grenze des Ekels hinüber zu eigenen Gewaltphantasien überschreitet, geschätzte Freunde der offenen Gesellschaft, sodass Sie bei der Konstruktion folgender von mir in einem Internetcafé beobachteten Situation eine schelmische Schadenfreude überkommt, entscheiden Sie nach bestem Gewissen bitte selbst. Meine Wahrnehmung dieses Dialoges, der sich vor wenigen Wochen ereignete, oszillierte jedenfalls ordentlich im Deutungszentrum meines Gehirns.
 
(Zwei Unbekannte betreten fast zeitgleich eines dieser Etablissements und beginnen eine Konversation.)
 
Unbekannter 1: Hey. Wie jeht`s?
 
Unbekannter 2: Schlechten Menschen jeht`s immer gut, weeste doch.
 
Unbekannter 1: Wetter is echt beschissen. In Gorleben auch so ein Mistwetter jewesen? 
 
(Sogleich antizipiere ich, dass der andere Polizist ist und am Wochenende dort einen Einsatz hatte.)
 
Unbekannter 2: Ja, dort hat`s och jepisst. 
 
(Das Gespräch erfährt die für mich kaum noch überraschende Wendung.)
 
Unbekannter 1: Und, haste den Zecken ordentlich auf`s Maul jegeben?
 
Unbekannter 2: Nee. War kaum wat los.
 
Unbekannter 1: Diese Atomgegner ham doch voll ein Rad ab. Wat globen die, wo die Energie herkommt!?
 
(Der andere, zunächst noch  so lakonisch, scheint nun doch sehr erregt.)
 
Unbekannter 2: Am liebsten hätt ich die uff de Fresse jehauen…
 
Unbekannter 1:…mit so nem Tonfa richtig auf den Kopf gedrescht und mit Tränenjas einjedieselt.
 
Unbekannter 2: Naja, ick war schon ziemlich anjepisst, als eener von den mir gleich am ersten Tag ins Gesicht jespuckt hat. Verdammter Vichser. Der hätte schon ne Tracht Prügel verdient, sag ick dir. Aber, weest ja, dürfen wa ja nicht machen sowat. Na jut, wir ham och schon ein wenig ausjeteilt. 
 
Unbekannter 1: Ham ja och nischt anderet verdient.
 
Unbekannter 2: Ja ne, stimmt schon.
 
Unbekannter 1: Jut, hau rein.
 
Unbekannter 2: Hauste.      
 

Comments (5) to “Atomkraftgegner, nein Danke!”

  1. Ha ha, Herr Montana.
    Und die ungezügelten Gewaltfantasien der Repressionsorgane des Polizeistaates erachten Sie also auch noch als komisch…
    ;)

  2. Mit dem zielgruppenorientierten Schreiben haperts noch, Tony.

    Ein nicht gering zu schätzender Teil der Freunde des onomatopoetischen Gesanges sind zu sehr Freunde des orthografischen Geizes (eine herausragende Qualität, die die Angelsachsen über die Deutschsprecher erhebt), um die Aufforderung zu entschlüsseln.

  3. Ich merke schon, ich hätte den Dialog für sich sprechen lassen. Nicht nur, dass ich meinen Sinn für ungewöhnlichen Humor wohl zu voreilig preisgegeben habe. Nein, am Ende werde ich noch eines besseren belehrt, dass die angesprochenen Freunde nämlich lieber ortographisch geizen, als für offene Gesellschaften einzutreten. Doch ich vergaß, Geiz ist natürlich geil.

  4. Plain English für komplizierte Deutsche. Da bleibt mehr Zeit fürs Wesentlich wie den organischen Gemüseanbau (und Acronym-Jokes).

  5. Ich kann den Ball nur wieder zurückwerfen, Goldfinger. Auch hinter meinen Zeilen versteckt sich geschickt der Humor, der nötig ist, um sich selbst und andere nicht so ernst zu nehmen. Inhaltlich ist auch wieder alles klar, alles ist genau anders herum, als ich es zunächst angedacht hatte. Der ortographische Geiz ist es gerade, der den angesprochenen Freunden überhaupt die nötige Zeit einräumt, für offene Gesellschaften zu kämpfen. Stimmt`s oder habe ich Recht?

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