Gesichtsrevisionismus

Als Journalist sollte man nicht nur können. Manchmal muss man es auch. Man muss sich zum Beispiel dem stillschweigend verpflichtetem Ehrenkodex unterwerfen, Irrtümer einzugestehen und Falschaussagen zu revidieren. Allein um sein Gesicht zu wahren. Vor wenigen Wochen stellte ich die These in den Raum, der Kapitalismus morde den Herbst. Und das belegt durch so triftige Argumente, wie die Suggestivkraft des Kapitals, das den Konsum durch die ökonomische Verlängerung der schönsten aller Freuden berechnend antreibt. Was will man mehr? Abgesehen natürlich vom kostenlosen Glück! Einen schönen Winter vielleicht? Genau daran mangelt es aber wenigstens in der nördlichen Hemisphäre der Republik, auf jeden Fall in Berlin. Wo ist der Winter? Ich für meinen Teil flaniere noch ohne Handschuhe durch die viel zu „warmen“ Straßen. Den aufmerksamen BILD-Lesern unter Ihnen wird sicherlich bekannt sein, dass wir den wärmsten Dezember seit über 1300 Jahren haben. Ich dachte zwar, der war schon letztes Jahr. Kann aber sein, dass wir da den kältesten April hatten und ich das durcheinander bringe. Wie auch immer, all das brachte mich zum Nachdenken und führte schlussendlich zu diesem Nachtrag: Der Kapitalismus mordet nicht den Herbst, er bringt vielmehr den Winter um.

Comments (16) to “Gesichtsrevisionismus”

  1. Hör uff zu heulen!

    Das ist doch mal endlich das größte Geschenk welches wir Bewohner der nördlichen Hemissphäre zu Weihnachten bekommen können: 20 Celcius im Schatten und kein Regen!

  2. Ihr beschissenen Heißluftromantiker…

  3. Gut geschriebener Bericht. Hast auch einen sehr angenehmen Humor darin verpackt! Der Kapitalismus sollte dringend überdacht werden. Und alternative Modelle sollten diskutuert werden.

  4. “rafael wrote:

    Gut geschriebener Bericht. Hast auch einen sehr angenehmen Humor darin verpackt! Der Kapitalismus sollte dringend überdacht werden. Und alternative Modelle sollten diskutuert werden. ”

    Du hast aber auch einen sehr “angenehmen” Humor.

  5. Der Kapitalismus sollte dringend überdacht werden…stimmt das hat ja noch nie irgendjemand gemacht.

  6. Nicht so vorschnell, Alex. Vielleicht ist der Lobende eigentlich der Kritiker und der Ernste vielmehr der Komiker…oder er geht mit mir einfach d`accord!?

  7. Mr. Montana, an ihrer Stelle wuerde ich nicht nochmal gesondert darauf hinweisen, dass ich diesen Herbst-Text verfasst habe. Das haette mir selbst wiederum auch diesen geistspruehenden Zusatzartikel erspart. Beim naechsten Mal: Entwurf durchlesen, alle Adjektive streichen, Zettel wegwerfen, fertig.

  8. bonnie parker, ich weiß nicht, ob das am Sonntag liegt, an dem widerlichen Geruch schlecht gebackener Kekse oder an der Abstinenz der letzten Nacht, aber ich verstehen ihren Humor - sollte er denn einer sein - ganz und gar nicht. Der Freigeber dieses Kommentars aus dem erlauchten Kreis des Bad Blog Teams darf mich gerne auch aufklären, was diesem kryptischen Chaos zu entnehmen sei…ich geh weiter Kekse backen.

  9. Sorry for the delay, aber ich hab ausserhalb des internets noch ein leben. Natuerlich muss ich Ihnen recht geben, beim erneuten durchlesen ist auch mir die missverstaendlichket meines kommentars aufgefallen. Vielleicht liegt darin jedoch die eigentliche botschaft. Sie sehen, mr. montana, was passiert, wenn man die form ueber den inhalt stellt. In meiner, zugegeben, etwas unhoeflichen kritik wollte ich nichts weiter als das zum ausdruck bringen. Inzwischen scheint mir jedoch, dass sich dieses muster auch duch Ihren alltag zieht. Nehmen Sie Ihre kekse: zuviel zucker, zuviel schokolade, zu viel dekor, das vernebelt sogar Ihnen, mr. montana, die sinne! So duerfte es auch den meisten lesern ihres herbstartikels (und weiterer texte)gehen. Hinter ausladenden stilfiguren, serpentinenartigen schachtelsaetzen und einem vokabular, das BEIDE kleinen finger abzuspreizen scheint, verbirgt sich irgendwo ein inhalt (der, unter uns, mr. montana, um so vieles leichter zu finden waere, wenn Sie tatsaechlich eine aussage machten). Mir ist klar, welchen ton Sie auf dieser seite vor allem sprachlich anzuschlagen wuenschen. Ich begruesse das sogar, denn auch ich bin durchaus eine freundin dieses tons. Leider ist aus Ihren erguessen jedoch oft nicht mehr als der WILLE zur intellektuellen plauderei und zu sprachlichen capricen zu ersehen. In Ihrem bemuehen um den geschliffensten ausdruck schiessen Sie ueber das ziel hinaus und vernebeln welche aussage auch immer.
    Ich wuerde es daher ebenso begruessen, wenn Sie es als eine weitere ihrer journalistischen pflichten ansehen, ihre feuilletonistischen texte nach einer beruhigenden tasse (ungesuessten) tees noch einmal durchzugehen und wenigstens die haelfte aller nebensaetze und stilfiguren in frage zu stellen. Es ist noch kein meister am lektor vorbeigekommen.
    in diesem sinne: ein produktives neues jahr!

  10. Eine Mahnung an klare Ausdrucksweise dermassen unklar auszudrücken ist schon eine Kunst…

  11. Und trotzdem kann man die Kritik nachvollziehen.

  12. dankeschoen!

  13. Eigentlich hat Alex bereits alles gesagt. Ich könnte nun noch zusätzlich draufhauen, aber Ihre Mailadresse livingintheglasshouseatirgendwas scheint mir zu bestätigen, dass sie durchaus nicht unreflektiert sind. Dass dies noch lange nicht objektiv bedeutet, ist Ihnen wahrscheinlich auch noch klar. Leider sind Sie jedoch nicht in der Lage, ihren Höhenvorteil zu nutzen, weil Sie die niedere Anmaßung besitzen, über meine Person und meinen Alltag Denkanstrengungen zu investieren, die in Ihre eigene pathologisch triefende Oberlehrerhaftigkeit wohl besser angelegt wären. Anders gesagt: Anstatt den Rotstift zu missbrauchen, wäre es besser gewesen, die schon ausformulierte Erkenntnis - die Texte zum Herbst haben keinen Inhalt - auch für bare Münze zu nehmen. Allein zur Unterhaltung sollten sich diese dienlich erweisen. Den Erfolg dieser Unternehmung werden gerade Sie wohl nicht infrage stellen?

  14. Ich aber! Weil es hier im Blog ja eigentlich nicht darum ging, sinnlos heiße Luft zu produzieren, die vielleicht ganz nett riecht, inhaltlich aber nichts zu bieten hat…

  15. lieber mr. montana
    ich betrachte ihr urteil ueber mich, nicht unreflektiert zu sein, lieber als kompliment denn als die offensichtliche beleidigung, die sie damit erzielen wollten. Eine gewisse faehigkeit zur subtilitaet scheint Ihnen also nicht grundsaetzlich abzugehen. Warum kultivieren Sie diese nicht?
    Gleichzeitig hoffe ich, zu keiner zeit den eindruck erweckt zu haben, objektiv sprechen zu wollen. Die form des ‘kommentars’ verlangt doch per definition nach subjektivitaet. und subjektivitaet schien mir, wenn ich ihren gruendungsartikel richtig verstanden habe, auf dieser seite ohnehin erwuenscht zu sein, besonders dort, wo sie die errungenschaften der zivilisation zu verteidigen versucht, zu denen meiner ansicht nach guter literarischer (oder auch journalistischer) stil unbedingt gehoert. Gerade Sie, mr. montana, sollten meine ungeduld mit dillettantismus nachvollziehen koennen (falls ich das d-wort falsch buchstabiert haben sollte, so ist Ihnen nur in dem fall erlaubt zu lachen, wenn sie bereit sind, einzusehen, dass dies letztlich nur meinen punkt unterstuetzt).
    Was den INHALT ihrer letzten antwort betrifft, so sollten sie vorsichtig sein und den kommentar Ihres kollegen Nigma ernst nehmen. Wenn es tatsaechlich Ihre absicht war, einen INHALTSLOSEN artikel zu schreiben, um mit ihrem formulierungstalent anzugeben, koennte ein weniger geduldiger zeitgenosse diesen womoeglich als “selbstbeweiraeuchernd und sinnentleert” bezeichnen…
    Was mich kraenkt, ist, dass Sie meine durchaus freundlich gemeinten Ratschlaege so konsequent ignorieren. Haette ‘Anmassung’ allein nicht gereicht, musste es “niedere Anmassung” sein (ein in diesem zusammenhang vollkommen sinnloses und ueberfluessiges adjektiv)? Nur um einen (sehr gezwungenen) Kontrast zu dem genauso unsinnigen Begriff “Hoehenvorteil” zu erzielen? und haette ein guter Lektor nicht die kleine unstimmige praeposition ‘ueber’ in dem Satz “ueber [...] meinen Alltag [...] Denkanstrengungen zu investieren” diskret, aber rechtzeitig entfernen koennen? (uebrigens, wenn Sie das wort pathologisch einmal nachschlagen, werden sie feststellen, dass zwr sehr viele koerperoeffnungen pathlogisch triefen koennen, aber niemals unbelebte dinge)
    Bitte, mr. montana, seine Sie versichert, dass ich zu keinem zeitpunkt Ihre intelligenz anzweifle. Es ist nicht pathologische oberlehrerhaftigkeit, sondern vermutlich muetterliche sorge, die mich dazu bringt, Ihnen diese dinge an den kopf zu werfen. Ich fuerchte naemlich, dass Sie weit hinter Ihrem potential zurueckbleiben, wenn Sie nicht ernsthaft weiter an ihren texten arbeiten. Ich empfehle ‘Ernest Hemingway: On Writing” (ist auch als deutsche uebersetzung, bei fischer glaube ich, erschienen, hilft gegen die adjektive) oder eine biographie ueber Thomas Mann, die sich auch mit dessen Arbeitstechnik beschaeftigt (Wenn Sie naeher an der materie sein wollen, empfehle ich weiterhin vom selben autor ‘Tonio Kroeger’ oder den ersten satz aus ‘Joseph und seine Brueder’, sowohl zur abschreckung als auch als beispiel dafuer, dass man tatsaechlich so schreiben kann, wie sie wollen, falls man zufaellig ein genie ist). Ein klassiker auch fuers schreiben: Tucholskys beruehmte Abhandlung ueber das schreiben von reden (duerfte in jedem noch so billigen sammelband enthalten sein).
    Ihrem letzten satz entnehme ich, dass die diese kleine plauderi ebenso genossen haben wie ich, auch wenn ihr allmaehmlich die luft auszugehen scheint, finden Sie nicht auch? ich danke Ihnen fuer die reizende unterhaltung, mr. montana. Und wer weiss, vielleicht schreiben Sie mal wieder was…

  16. wenns nur der herbst ist… der kommunismus hatte den bodycount 100.000.000 und weiter steigend…

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