Professor Deutschland in Bernau
Am gestrigen Tage lud das Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) der Technischen Universität Berlin (TU) in das kleine Dörfchen Waldfrieden bei Bernau im Nordosten Berlins ein. Waldfrieden ist nicht groß und hat sich bei gefühlten 20 Einwohnern seinen Namen eigentlich redlich verdient. Im Grunde besteht es wirklich nur aus Wald, einem verstecktem Gymnasium, einem Freibad und einem geschichtsträchtigen Gelände, das das corpus delicti der Veranstaltung war und einen das Wörtchen Frieden im Namen zumindest anzweifeln lässt.
Mitten im Frieden des Waldes nämlich befindet sich das Gelände der ehemaligen Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes kurz ADGB um dessen Schicksal es in der Veranstaltung gehen sollte. Das Gelände wurde von Hannes Meyer und Hans Wittwer Ende der 20er Jahre erbaut und ist überregional bekannt als Baudenkmal an den von Walter Gropius begründeten Bauhausastil. Nach 1945 nutze die Rote Armee das Gelände zwischenzeitlich als Lazarett, nach der Übergabe an die DDR richtete der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) bis 1990 in Waldfrieden seine Bundesschule „Fritz Eckert“ ein.
Nach dem Zusammenbruch der DDR übernahm die Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Brandenburg die Räumlichkeiten, von 2001 bis heute nutzt die Handwerkskammer Berlin (HWK) den abgeschiedenen Komplex. Auffällig ist, dass die berühmten 12 Jahre in der Aufzählung fehlen. Grund für Prof. Dr. Heinz Deutschland, seines Zeichens Vorsitzender des Vereins Baudenkmal Bundesschule Bernau, Wolfgang Benz vom ZfA zu kontaktieren und ihn zu fragen, ob er nicht Interesse hätte für den Verein diesen Abschnitt der Geschichte näher zu untersuchen.
Benz willigte ein und so stellten gestern knapp zwei Jahre später 8 Studenten der TU ihre Forschungsergebnisse vor. Die Forschungen ergaben, dass das Gebäude einer der wichtigsten Bildungsstätten der NSDAP beherbergt hatte, was das Regionalblatt Märkische Oderzeitung dazu verleitete „Ein Ort der Täter in Bernau“ über der Ankündigung zu titeln…harte Worte von der sonst so luschigen Gazette. Es lag also an den Begrüßern und Schlussrednern der Veranstaltung, dieses neugewonnene Image schleunigst wieder abzuschütteln bevor es Wurzeln schlägt. Thomas Dohmen, der Hauptgeschäftsführer der HWK übernahm den ersten Teil des Rituals und griff tief in die Trickkiste des Gutmenschenvokabulars. Von der „dunklen Phase der Nutzung“ des Geländes war die Rede sowie von der
vielzitierten „Weltoffenheit gegenüber anderen Nationen“. Die Idee die Anzahl der Variationen des Wörtchens „betroffen“ zu zählen, kam mir leider zu spät; eine Zahl im zweistelligen Bereich ist jedoch keine vermessene Schätzung. Außerdem führte er aus, dass die vielen Jahre der friedlichen Nutzung die dunklen Zwölf bei weitem übertreffen würden. An zweiter Stelle kam der oben genannte Professor Deutschland, der sich ähnlicher Zauberformeln bediente und durch die metaphysische Wirkung seines paradigmatischen Namens schon einen sehr geübten Eindruck machte, setzte noch ein „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus“ oben drauf. Hui, das Mahnen und betroffen sein war also abgehakt, jetzt konnte man sich in Ruhe den Erkenntnissen der Historiker widmen.
Am 2. Mai 1933 wurde das Gebäude des ADGB durch die SA besetzt und geriet so in die Hände der Nationalsozialisten. Allgemein gab es in Bernau selbst im landesweiten Kontext eine gesteigerte Aktivität nationalsozialistischer Organisationen. Aber auch die Gegenseite ließ sich nicht lumpen und gründete einen Kommunistischen Kampfbund gegen den Faschismus, der jedoch nach und nach durch Verhaftungen unfähig gemacht wurde zu Handeln. Noch in den Reichstagswahlen im März ´33 waren die Kommunisten in Bernau und Umgebung nach den Nazis die stärkste Kraft.
Obwohl der Bauhausstil als bolschewistisch - in der DDR dann als imperialistisch - galt, nahmen die Nazis kaum architektonische Veränderungen vor. Ab 1933 besetzte eine Reichsführerschule der NSDAP im Dienste der Deutschen Arbeitsfront (DAF) das Gelände. Auf Wunsch des DAF-Leiters Robert Ley kam Adolf Hitler höchstpersönlich , weihte das Gebäude und bekam bei der Gelegenheit noch die Ehrenbürgerschaft der Stadt Bernau verpasst. Die Bernau Reichsführerschule gilt in der heutigen Forschung als wichtigste Schulungsanstalt der Anfangsjahre der Naziherrschaft.
An der Schule fanden nach Forschungen der TU-Studenten ca. 25 so genannte weltanschauliche Schulungen statt. Auf einer dieser Veranstaltungen sprach Julius Streicher, der in Nürnberg hingerichtete Herausgeber des Stürmers zu den Schülern. Entsprechend der Doppelstrategie der Nazis nach der Adolf Hitler in den Anfangsjahren noch den sauberen Staatsmann mimte während die brutale Basis die Drecksarbeit erledigte, verkündete Streicher wohl schon 1935, früher als bisher angenommen, in Bernau die Endlösung der Judenfrage in seiner eliminatorischen Durchführung. Streicher hetzte, es würde nicht ausreichen die Juden zu vertreiben, man müsse schärfere Maßnahmen ergreifen. Ende der 30er Jahre war das Gelände der Trainingsort für die SS-Truppen, die den fingierten Überfall auf den deutschen Sender Gleiwitz planten und durchführten. Mit dieser und ähnlichen Aktionen sollte der deutsche Überfall auf Polen am 1. September 1939 ad hoc propagandistisch legitimiert werden.
Nach 8 Vorträgen hielt dann ein sehr eloquenter und charmanter Wolfgang Benz das Schlusswort. Die Märkische Oderzeitung kam an diesem Vormittag nicht gut weg. Benz geißelte das Regionalblatt für seine sensationslüsterne Überschrift und mahnte es würde doch um Nachdenklichkeit gehen und nicht um diese Art Schlagzeilenheischerei. Es würde nicht im Interesse der Forschung liegen einen Ort wie Bernau als Täterort zu stigmatisieren. Hatte er die Überschrift nicht aufmerksam gelesen gelesen? Die Rede war von EINEM Ort der Täter in Bernau nicht von einem Täterort Bernau. Wie immer liegt der Teufel im Detail genauer in der simplen Formulierung. Die MOZ hat vor allem eines verkannt: In Deutschland von bestimmten Orten der Täter zu sprechen funktioniert grundsätzlich nicht. Auf dem Marktplatz jubelten die Bernauer Hitler und Göbbels zu, in der Brauerstraße direkt daneben wurde der örtliche, jüdische Gebetsraum angezündet. Man muss in Bernau und überall sonst in Deutschland nicht erst in den Wald wandern um auf Orte der Täter zu stossen…
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MIGO wrote:
Waldfrieden ist ein Bezirk von Bernau. Also wäre Bernau Waldfrieden die richtige Bezeichnung.
Posted on 18-Aug-07 at 4:33 pm | Permalink
Bad Blog » Laut, bunt…und? wrote:
[...] Bernau war der Bad Blog öfter schon zu Besuch…ob virtuell oder real, geärgert hat man sich auf jeden Fall. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Streetparade am [...]
Posted on 09-Jul-08 at 10:53 am | Permalink