Warum die Antifa wirklich wichtig war…
In der ostdeutschen Tiefmoräne ist bekanntlich nicht nur der untere Bodensatz braun: Der Ruf nach einem starken Staat nebst Führerleitfigur ist in der Zone mehrheitsfähig, das angeblich in diesen Breiten weit geläufige Wissen um solch universalistische Werte wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gleicht einer Schimäre und die Quote der nichtarischen Bewohner dieser Einöde liegt im unteren Promillebereich. Allgemein sind dies keine guten Vorraussetzungen für die Entwicklung eines demokratischen Gemeinwesens…
Wenn dann auch noch hinzukommt, dass Lokalpolitik und -polizei meist verschwägert ist mit jenen Glatzköpfen, die der Volksmund allgemein als ‚unsere Jungs’ bezeichnet, dann wird es mit der Einführung halbwegs demokratischer Gepflogenheiten sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Doch irgendwie gelang es ja nun doch, die ein oder andere zivilisatorische Errungenschaft heimlich über die grüne Grenze ins ehemalige Arbeiter- und Bauernparadies zu schmuggeln und wenigstens unter der Jugend der jetzt arbeitslosen Bauern zu verbreiten. Dass dies hauptsächlich – neben dem internationalen Musikfernsehen - den verbitterten Klassenkämpfer der Antifa zu verdanken ist, soll heute hier ein wenig Thema sein.
Hätte sich nämlich nicht vor rund 15 Jahren ein Teil der radikalen Linken dafür entschieden, den Neonazis im Osten ihren Nachwuchs streitig zu machen, dann würde heute noch die ostdeutsche Jugend mehrheitlich in Domestoshosen, Bomberjacke und Inselhaarschnitt herumstolzieren. Tut sie ja bekanntlich glücklicherweise nicht mehr, und dies nur der Marke Thor Steinar in die Schuhe zu schieben wäre wohl etwas übertrieben. Natürlich trug auch der Zuzug von einigermaßen zivilisierten Westdeutschen dazu bei, dass es z.B. drei Ostberliner Stadtteile in den letzten Jahren sogar geschafft haben annähernd zivilisiert wie der Rest der westlichen Welt daherzukommen und darüber hinaus den ein oder anderen Weltbürger anzulocken. Doch aktuell zeigt sich abermals, dass die Uhr auch zurückgedreht werden kann. Ausgerechnet das Bezirksamt und die Polizei eines dieser drei Ostberliner Stadtteile, die es fast auf den zivilisatorischen Standard des Goldenen Westens gebracht hat, kehrt nun wieder zu einer Art Appeasementpolitik gegenüber rechter Gewalt zurück, die eigentlich einige Zeit für überwunden gehalten wurde…
Was ist passiert: In der Nacht vom vergangenen Freitag zum Sonnabend griffen vermummte Neonazis aus einer Gruppe heraus die Jugend- und Freizeiteinrichtung ‚Kurt Lade’ des Bezirk Pankow an. Beim ersten Versuch gegen 23:30 grölten die rund 8 Neonazis nur herum, dass „sie die Zecken gerne klatschen würden“. Beim zweiten Besuch – rund anderthalb Stunden später – beließen sie es nicht nur bei der Drohung. Mindestens zehn bis zwölf Angreifer, mit Flaschen und Steinen bewaffnet, griffen die Jugendeinrichtung an, und nur durch einen schnellen Rückzug der Jugendlichen in das Gebäude konnten Verletzungen verhindert werden.
Die zur Hilfe gerufene Polizei brauchte – kein neues Phänomen – viel zu lange, um die Straftäter noch vor Ort zu erwischen. Die Möglichkeit, sie wenigstens auf der Flucht noch zu Stellen, verhinderten die ‚Gesetzeshüter’ durch ihr minutenlanges Begrüßungsritual untereinander. Nach Aussagen von Zeugen brauchten die Beamten allein über zehn Minuten, um sich gegenseitig ‚Guten Tag’ zu sagen. Als die Uniformierten sich dann auf den Weg machten, um vielleicht doch noch wenigstens den Anschein zu erwecken, als würden sie etwas tun, mussten sie schon zum nächsten Tatort. Ungefähr zwanzig Minuten später, zwei Kilometer und zwei Haltestellen weiter nördlich hatten die selben Vermummten eine Kleingruppe alternativer Jugendlicher, die mit Palituch und Armyparker ausreichend als Linke gekennzeichnet waren, angegriffen und dabei einem ihren Opfer eine zerbrochene Flasche an den Hals gehalten.
Diesmal – es lies wohl nicht vermeiden – kamen die Polizisten soweit rechtzeitig, dass sie die Personalien von ein bis zwei Personen aus der Gruppe der vermummten Rechtsextremen aufnehmen mussten. Die restlichen Personen wurden von ihnen nicht weiter behelligt. Wieso auch? - die eingesetzten Beamten hatten ja schon beim Angriff auf den Kurt Lade Klub keinerlei Anstalten gemacht, die Beweise wirklich zu verifizieren, geschweige denn Beweismittel mitzunehmen. Ein Stein der beim Angriff sehr knapp vor der Tür des Jugendklubs landete, holten Beamte des Landeskriminalamtes (LKA) zwei Tage später bei den Verantwortlichen der Jugendeinrichtung ab, die Streifenhörnchen hatten auch nach mehrmaliger Nachfrage kein Interesse an ihm gezeigt. Auch die Aussagen der Leitung des Jugendklubs wollten die Jungs vom LKA haben. Die Kollegen von der Streife hatte auch dies nicht sonderlich interessiert.
Doch wenn eine demokratische Instanz versagt, dann folgen ihr auch gerne weitere: Die lokale Politik in Person der Bezirksstadträtin Christine Keil (Die Linke.PDS) wollte anscheinend das Versagen der Pankower Polizei noch überbieten und veröffentlichte dementsprechend 6 Tage später eine achtzeilige Pressemeldung. Hier einige Auszüge daraus:
Übergriff auf Pankower Jugendfreizeiteinrichtung
Pressemitteilung
Berlin, den 14.12.2006In der Nacht von Freitag auf Samstag, den 9. Dezember 2006 wurden junge Menschen auf dem Gelände einer Jugendfreizeiteinrichtung des Bezirks Pankow von einer Gruppe vermummter, vermutlich rechts orientierter Personen beschimpft und mit Pflastersteinen beworfen…
Okay, nun hatte Frau Keil schon immer so ihre Problem mit der Wahrnehmung des Rechtsextremismus, war sie doch jahrelang Jugendstadträtin im Berliner Bezirk Weißensee. In nächster Nähe zum Rathaus Weißensee, ihrem damaligem Amtssitz, sowie der Polizeiwache siedelten zwar die recht lautstarke Ariogermanische Kampfgemeinschaft namens ‚Vandalen’, doch irgendwie bemerkte dies weder die ständig versammelte Bezirkspolitik, noch die Polizei. Erst die Enthüllungen einer lokalen Antifagruppe machte die gewählten Volksvertreter sowie die Polizei auf das Anwesen der rechten Kampfgemeinschaft aufmerksam. Man trug danach unter anderem die linke Stadträtin auf die gemeinsame Jagd gegen das Domizil der Nazirocker und siehe da, in gemeinsamer Kleinarbeit verschwand das Domizil der Vandalen innerhalb weniger Monate aus dem Stadtbild.
Und heute? Auf der Internetseite der Antifa Pankow fehlt bis dato eine Meldung zum Vorfall, obwohl eigentlich auch Ihnen bekannt sein sollte, dass mindestens zwei Mitglieder der Autonomen Nationalisten aus Pankow am Überfall auf die alternative Jugendeinrichtung beteiligt waren und zumal einen Tag später die alljährliche Demonstration der Berliner Kameradschaftsszene für ein nationales Jugendzentrum stattfand. Auch dies ist ein weiteres Beispiel dafür, dass die Zeiten, als die Antifa mehr als ein Haufen Identitätssuchender Analphabeten war, schon lange vorbei sind. Sie hat ihren Zenit als Pressuregroup für eine schleichende Demokratisierung der Zone sowie als Selbstverteidigungsgruppe für den – wenn auch geringen - zivilisatorischen Fortschritt schon längst hinter sich gelassen und kommt nur noch als die Farce daher, die sie im Westen der Republik schon seit 20 Jahren darstellt.
Und Frau Keil? Sie ruft dazu auf, ihr „bei der Verhinderung derartiger Übergriffe“ zu helfen und bittet „alle Bürger und Bürgerinnen um ihre Mithilfe bei der Aufklärung“. Ist das eigentlich schon der letzte Hilferuf, wohl wissend, dass die Polizei vor Ort wahrscheinlich wieder mal nicht die Täter schnappen wird? Und welche Bürger meint sie eigentlich? Die Meldung im Internet wird wohl kaum einem der Pankower Untertanen auffallen. Im Gegenteil die Pressemitteilung wurde vom Amt einerseits erst so spät veröffentlicht, und andererseits so formuliert, dass es keinem Journalisten der Stadt einfallen wurde, dieses Thema seiner Redaktion anzubieten.
Auch die Berliner Polizei scheint kein großes Interesse daran zu haben, dass der Übergriff öffentlich wird: Entgegen der üblichen Öffentlichkeitsarbeit findet sich bis jetzt keine Pressemeldung auf den dafür vorgesehenen Seiten der Polizei. Schon komisch, irgendwie kommt es mir vor, als hätten die undogmatischen Antifaschisten in Ostdeutschland jahrelang dazu beigetragen, dass der Rechtsstaat sich wenigstens halbwegs gegen die Angriffe von rechts wehrt. Nun, wo die Antifa in Qualität und Quantität extrem nachlässt, scheint auch die Legislative sowie die Exekutive in ihrem Eifer rechte Straftaten zu verfolgen dementsprechend ebenso nachzulassen…
Wenn es also wirklich Gerechtigkeit geben würde, dann müssten die tausenden Antifa-Aktivisten, die es Anfang und Mitte der 90er Jahre immer wieder mal gewagt haben, den ostzonalen Neonazibanden Einhalt zu gebieten, statt der ehemaligen DDR-Bürgerrechtler heutzutage mit Menschenrechts- und Demokratiepreisen überhäuft werden. Die Antifas haben es nämlich erst möglich gemacht, dass heutzutage auch Nichtarier die Autobahnen durch den Osten nutzen können, und nicht immer mit dem Flugzeug fliegen müssen, um wenigstens unbeschadet nach Berlin zu kommen…
Maria wrote:
Sie kommen in Ihrem Artikel schon sehr rassistisch und einseitig rüber. Was Sie anprangern, machen Sie selbst…
Posted on 15-Dec-06 at 9:28 pm | Permalink
Roger Kint wrote:
Mensch, Kollege Nigma, da hat sie Dich aber eiskalt erwischt.
Posted on 15-Dec-06 at 11:23 pm | Permalink
Edward E. Nigma wrote:
Maria, was kritisiere ich denn, obwohl ich es sogar selbst mache? Come on, werd mal etwas konkreter…
Posted on 16-Dec-06 at 2:08 pm | Permalink
Alex DeLarge wrote:
Rassismus war auch irgendwie das Letzte, was ich als Kritik oder “Kritik” vermutet hätte…?!
Posted on 16-Dec-06 at 7:43 pm | Permalink
PankowMob wrote:
Wo ist das Problem?
Antifa-Pankow.tk // Chronik // 09.12.06
Während eines Konzertes im Pankower Kurt-Lade-Klub erscheinen in der Nacht zum Samstag etwa zehn Rechtsextreme vor der Einrichtung. Sie zerstören Teile der Außengestaltung, werfen Steine und ziehen anschließend mit „Wir kriegen euch, ihr scheiß Zecken“-Rufen weiter Richtung Niederschönhausen. Anschließend bedrohen und schlagen sie zwei Menschen am nahegelegenen Pastor-Niemöller-Platz.
Posted on 28-Dec-06 at 2:59 am | Permalink
Edward E. Nigma wrote:
Gähn…
Drei Wochen später den Vorfall in eine Chronik zu frimmeln, ist nicht gerade die Geschwindigkeit mit denen Nachrichten im Zeitalter der Globalisierung üblicherweise verbreitet werden…
Posted on 29-Dec-06 at 5:01 am | Permalink
Antifa heisst… « Freunde der offenen Gesellschaft wrote:
[...] (read) Dieser Beitrag wurde von Daniel Fallenstein geschrieben, am Dienstag, 11. September 2007 at 18:46 veröffentlicht und abgelegt unter Kleinigkeiten. Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post. Hinterlasse einen Kommentar oder einen Trackback: Trackback-URL. « Eine Zweckgesellschaft [...]
Posted on 11-Sep-07 at 8:46 pm | Permalink