Provinz bizarr

Ein Mensch namens Klaus Dede weiß über sich, dass er Juden und dem Judentum „nicht mit unbefangener Neugier begegnen kann“ und will sich dieses „Ressentiments stets bewusst“ bleiben. Über Dede weiß ich nicht viel, ausser dass er irgendwann zwischen 1984 und der Umstellung der Postleitzahlen in den Neunzigern ein Büchlein mit dem Titel „Antisemitismus in Oldenburg“ geschrieben hat. Dieses Buch sei ein verschriftlichter Vortrag, den er nach eigenem Bekunden ursprünglich vor sechs (sic!) Studentinnen an der Oldenburger Uni gehalten hat. Es ist ein deutsches Psychogramm, dass in Erstaunen versetzt…

Dede schreibt über antisemitische Vorfälle in der norddeutschen Tiefebene und fördert dabei vor allem einzelne aktenkundige Begebenheiten zu Tage. Diese belegen oldenburgischen Antisemitismus vom beginnenden 19. Jahrundert bis zum Nationalsozialismus. Für die Zeit danach weiß Dede, dass Ausschwitz noch lange nicht Geschichte ist, dies zeige sich in Oldenburg daran, dass es öffentliche Einrichtungen mit den Namen von Antisemiten gebe (wobei sich dieses Problem natürlich fast unweigerlich stellt, wenn man Persönlichkeiten der deutschen Geschichte ehren möchte), ausserdem werde der Oldenburger Schweigemarsch zum 10. November nur von Grünen und Kommunisten unterstützt.

Das Phänomen des linken Antisemitismus erwähnt Dede dann jedoch nur noch indirekt: „Reaktionäre“ versuchten mit diesem Schlagwort Kritik an Israel zu unterbinden. Diese hundsgemeinen Kerle hätten es nämlich auf Pazifisten, Grüne und Linke abgesehen, die – Achtung! – nach ´45 die Rolle der Juden übernommen haben. Dies komme vor allem daher, dass seit Ende des Zweiten Weltkrieges „die Juden als Feindbild nicht mehr möglich“ seien.


Vor den Reaktionären möchte Dede aber warnen: „Die Juden lassen sich diese falschen Freunde gern gefallen – denn sie sind es ja, die Geld und Waffen haben, und beides brauchen sie (die Juden – RK), um sich gegen die Araber zu behaupten“. Dede hätte gerne, dass die Juden diesmal schlauer sind statt wie damals „ihr eigenes Grab zu schaufeln“, indem sie „ihre vermutlich einzige Chance nicht wahrnahmen, als sie die Sozialdemokraten als Bundesgenossen nicht akzepierten“. Wäre der Jude doch nur nicht so wählerisch gewesen! – „vermutlich“ wäre dann ein Verbrechen verhindert worden, das – man höre und staune – deshalb singulär zu nennen sei, weil es an Menschen begangen wurde, die durch ihre Glauben eine bestimmte Aufgabe haben – „Das Volk Israel spielt in der Menschheitsgeschichte eine besondere Rolle. In der Sprache der Bibel wird es als „ausserwählt“ bezeichnet.“ Man lernt einiges in diesem Stil von Dede.

Zwischendurch blitzt immer wieder ein philosemitisches Über-Ich auf (und dieses möchte ich in keinem Fall kritisieren, war es doch das Äußerste, was die Reeducation der deutschen Seele an menschlicher Regung beimischen konnte): Dede weiss, dass Antisemitismus nichts mit dem Verhalten der Juden zu tun hat, „auch wenn sie gegen die Araber Krieg führen“, oder, dass Israel sich in „in einer Welt von Feinden behauptet“. Vor allem aber schreibt Dede über sich, versucht sich seine eigene „schmerzliche Geschichte bewusst zu machen“ und vermutet dabei Ressentiment im eigenen Denkkasten. Dieses nicht abwegige Misstrauen gegen sich selbst hat bei Klaus Dede jedoch noch nicht gereicht, um nach den eigenen Sublimierungsformen für den tabuisierten offenen Judenhass zu fahnden. Beim Lesen seines eigenen Vortrags hätte er sich nur folgende Frage stellen müssen: Wenn das deutsche Bürgertum nach `45 in seiner Hetze gegen Kommunisten, Grüne und dergleichen sein Ventil für das tabuisierte antisemitische Ressentiment gefunden hat, worin haben dann bloß deutsche Kommunisten, Grüne und dergleichen ihr Ventil gefunden?

alle Zitate aus Klaus Dede: Antisemitismus in Oldenburg. o.O., o.J.

Comments (2) to “Provinz bizarr”

  1. Vielen dank für den schönen Artikel. Wenn Du meine website anschaust, weißt Du mehr über das, was mich zur Zeit umtreibt. Bitte beachte besonders mein Tagebuch. Das Heft über den antisemitismus ist in oldenburg längst vergessen und verschollen, aber wir könnengerne darüber reden. Bis bald. dd

  2. Antwort unter http://www.klausdede.de/Tagebuch. Vielleicht ist sie einen neuen Aufreger wert.

    Ich würde darüber froh sein und danke schon jetzt. Die Diskussion ist für mich wichtig - genauso wie sie angelaufen ist. Ganz toll. dd

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