Provinz bizarr reloaded: Eine abschließende Betrachtung

Vor einiger Zeit fiel mir ein Büchlein in die Hände, in dem ein gewisser Klaus Dede dem Antisemitismus in der nord-niedersächsischen Provinz nachspürt. Er war fündig geworden, und nicht ganz zu Unrecht verdächtigte er sich auch selbst, gewisse Ressentiments zu haben.

Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung, könnte man meinen, Klaus Dede ist der lebende Gegenbeweis.

Heute betreibt Dede eine Internetseite, auf der man gerade die skandalösesten Ausrutscher seines Buches nunmehr in Reinform als verfestigtes Weltbild ausgebreitet findet.

Er selber weiss natürlich, dass er gar kein Antisemit sein kann, denn:

“Es mag ja sein, dass sich die Zionisten als Juden bezeichnen – zum Judentum gehören sie ganz sicher nicht, und deshalb kann die Kritik an dieser politischen Ideologie die Vertreter der mosaischen Religion nicht treffen, woraus folgt, dass jemand, der, wie ich, den Zionismus ablehnt, natürlich kein Antisemit sein kann“

Ein bisschen göringsches „Wer Jude ist, bestimme ich!“ schwingt schon mit in Dedes „Beweis“. Und genau hier offenbart sich die Wahrheit: Es lügt bereits, wer versucht, den Antisemitismus über dessen Objekt zu definieren, das nämlich keineswegs die „mosaische Religion“ ist (und vielleicht nie war!), sondern vielmehr ein Gerücht über “die Juden”, das der Projektion des Antisemiten entspringt. Und dieser entscheidet folglich auch wer für ihn „der Jude“ ist, wie sich am obigen Beispiel schön sehen lässt.

Eine formallogische Aufschlüsselung seiner Folgerung mag ich Dede auch nicht abverlangen, sie wäre schlicht nicht leistbar. Das Geschriebene blamiert sich vor der Wirklichkeit, und das hätte auch Dede beim einfachen Korrekturlesen feststellen können: Jemand, der den Zionismus ablehnt, soll also folglich kein Antisemit sein können? Also z.B. auch Möllemann, Mahler, Ahmadinejad, Voigt, Bin Laden, Irving? Besser kann man sich selbst gar nicht entlarven.

So hätte Dede auch gerne, dass die „Friedensbewegung“ gegen Israels Pläne, die wahnsinnigen Machthaber im Iran an der Umsetzung ihrer penetrant und glaubhaft vorgetragenen Drohungen zu hindern, Sturm läuft. Dies tue die Friedensbewegung jedoch nicht, da sie sonst des Antisemitismus geziehen werden würde. Prototypus Dede macht’s vorbildlich: Die Auschwitzkeule als Waffe der Juden, pardon: Zionisten, um ihre Kritiker mundtot zu machen.

Nun* müssten sich die Kriegstreiber in Israel aber beeilen, wenn sie noch atomar zum Zug kommen wollen, denn wahrscheinlich würden in den USA ja bald die Zionistenfreunde von den Republikanern („ZOG“) von den Demokraten abgelöst, die – Gott sei Dank fälschlicherweise – von deutschen Friedensfreunden immer noch manchmal als Speerspitze des globalen Aufstands der Völker wahrgenommen werden.

„Es könnte also sein, dass die USA dann auf die Regierung in Tel Aviv Druck im Sinne eines Friedens zwischen Israel und den Palästinensern ausüben würden, ein Frieden, den die Juden sicherlich begrüßen würden, die Zionisten aber zu verhindern trachten.“

Dede weiss natürlich auch haargenau, was die Juden sich wünschen und was die Zionisten im Schilde führen. Und es zeigt sich erneut, dass über dass Objekt des antisemitischen Wahns kaum zu reden braucht, wer diesen Wahn begreifen will: Der Antisemit spricht zwanghaft über das, was in seinem Weltbild „der Jude“ ist, in dem er nur sehen kann, was er vorher in pathischer Projektion in ihn hineingelegt hat. Die Realität – und mit ihr alle realen Objekte über die zu sprechen wäre - bleibt dabei außen vor. Dede zum Beispiel muss seine Juden, die er Zionisten nennt, so genau unter die Lupe nehmen, dass er nichts anderes mehr sehen kann. Der „Frieden“ von dem er spricht, ist der Frieden gegen Israel, ist das Stillhalten Israels im Angesicht der iranischen Vernichtungsdrohung und des permanenten Krieges mordender Terroristen gegen die israelische Bevölkerung. Die Frage, ob Terroristen und Terrorstaaten wie Iran oder Syrien es eventuell sind, die keinen Frieden wollen, stellt sich natürlich niemandem, der nur über „den Juden“, den er „Zionist“ nennt, reden will:

“Es wäre also durchaus möglich, dass die jüdischen Extremisten tatsächlich zum Atomschlag ausholen würden – eben um den drohenden Frieden abzuwenden…“

Einen Atomkrieg möchte Herr Dede aber auf keinen Fall, weil „dessen klimatische und wirtschaftliche Auswirkungen mit großer Wahrscheinlichkeit auch uns unmittelbar treffen werden.“ Dies müsse „den Deutschen“ klar gemacht werden. Und da die atomare Bedrohung auch aus Teheran kommt, sieht Dede überall „verbohrte Extremisten“ und „Streithähne“ gegen die – man ahnt es - eine Demonstration organisiert werden müsse: Gegen „Evangelikale“ in den USA und „hier“ (Oldenburg?), Zionisten und „die Iraner“. Trotzdem sind es aber für Dede nur die „Zionisten“ die den drohenden Frieden abwenden wollen …

Ich hatte es im Kommentar zum Buch „Antisemitismus in Oldenburg“ nur angedeutet: Klaus Dede hätte bei der Fahndung nach Antisemitismus in Deutschland nach ´45 nicht nur nach rechts schauen sollen, sondern auch nach links und vor allem geradeaus, in den Spiegel. Sein plumpes Scheiden von „Juden“ und „Zionisten“ erlaubt es ihm, sich von jedem Verdacht freizusprechen. In besagtem Buch äußerte sich sein sehr deutsches Weltbild nur in Ausrutschern und diese standen neben einem offen eingeräumten Selbstzweifel in der Frage des eigenen Antisemitismus. Der Zweifel ist nun über alle Berge, das Weltbild geschlossen.

Dede behauptet, ich habe mit seinem Antisemitismus-Heftlein nichts anfangen können. Den Schuh muss ich mir anziehen: Die Bedeutung des provinzialen vergangenen Antisemitismus verblasst für mich angesichts des aktuell virulenten, dessen Avantgarde zum Sturm gegen die „amerikanische Ostküste“ oder „die Zionisten in Tel Aviv“ blässt, sekundiert von humanistischen Apologeten wie Klaus Dede.

Alle kursiven Zitate von www.klausdede.de

* Der in dieser Wortwahl unterstellte logische Zusammenhang zwischen Dedes Ausführungen zur schweigenden Friedensbewegung und dem weiter Folgenden ist in seinem Text zwar sprachlich aber keineswegs inhaltlich vorhanden.

Comments (3) to “Provinz bizarr reloaded: Eine abschließende Betrachtung”

  1. Na ja, die Biographie erklärt ja schon alles. Es erstaunt immer wieder, wie ein Opfermythos aufgebaut wird, damit man ungehemmt seinem Antisem…seiner Kritik nachgehen kann.

    Weil er die Rolle “des Juden” zugewiesen bekam, betrachteten “die Zionisten” ihn als unsicheren Kantonisten.

    Darauf muß man erst Mal kommen.

  2. Vielen Dank für den Kommentar. Wichtig ist mir, dass jemand sich mit dem, was ich sage und schreibe überhaupt auseinander setzt und nicht den Bannstrahl schleudert und dann schweigt. Ich werde mir den Text ausdrucken (wenn mein Drucker wieder in Ordnung ist) und ihn mir dann noch einmal genau durchlesen.

    Darf ich dann reagieren? Ich denke, dass sich die Diskussion lohnt, zumal wenn jemand seine Meinung so deutlich sagt wie hier. Wird das möglich sein?

    Mit freundlichen Grüßen! Klaus Dede

  3. Antwort unter http://www.klausdede.de/Tagebuch. Vielleicht ist sie einen neuen Aufreger wert. Ich würde darüber froh sein und danke schon jetzt.

    Die Diskussion ist für mich wichtig - genauso wie sie angelaufen ist. Ganz toll. dd

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