Ich sehe was, was du nicht siehst

Noch heute trage ich gerne ein T-Shirt, dass mich an meine Sturm-und-Drang-Periode erinnert. Wie damals alle meine Kleidungsstücke war es zu groß, denn meine Eltern wussten, dass ich wenigstens physisch noch wachsen werde und ich stand dazu halbherzig auf den Lifestyle amerikanischer Rapper. Wie auch immer, auf weinrotem Stoff pranken die fast vollkommen ausgewaschenen Konterfeis von Marx, Engels und Lenin, darunter steht die Losung klassisch-praktisch-gut, was wohl witzig gemeint sein soll. Warum ich es mir vor vielen Jahren in der Torstraße in einem Laden mit dem viel sagenden Namen Trash gekauft habe, kann ich nicht genau sagen und auf den durchaus ansehnlichen Farbton vermag ich mich nicht rauszureden. Lenin fand ich sogar damals schon blöd - ich glaube, weil der Russe war. Das lag aber keiner rassistischen Einstellung zugrunde, schließlich war ich in der Zeit auch mal bei einem Anti-Rassismus-Seminar. Marx und Engels, soviel ist sicher, mochte ich aber, denn meine Familie mochte sie auch. Trotzdem rebellierte ich in persona des unterdrückten und geknechteten Wesens nicht zuletzt gegen meine Eltern, die mir irgendwann einmal am Essenstisch den dialektischen Materialismus erklärten und schon das erste Stück meiner Kampfkleidung schenkten. Es galt die Verhältnisse umzuwälzen, ein Shirt mit subversiver Botschaft konnte da nicht schaden.

Dass sich Vernunft und Kommunismus nicht ausschließen, sondern im Idealfall mit sich identisch sind, lernte ich viel später, als die Ratio überhaupt erst eine positive Implikation bekam. Die Kritische Theorie stellte den Gesinnungstest. War man Kommunist, entbehrte man Stunden potentiellen Lustgewinns allein schon für die Lektüre der Werke der Frankfurter Schule sowie ihrer Adepten und wenigstens das berühmt-berüchtigte Fetisch-Kapitel im Kapital musste dann nochmals gelesen und verstanden werden. War man wirklich Kommunist, stellte sich die ganze Unternehmung sogar noch als Freude und Vergnügen dar. Darüber hinaus konstatierten Adorno und Horkheimer nicht zuletzt in der Dialektik der Aufklärung das barbarische Potential der bürgerlichen Gesellschaft in ihr Gegenteil umzuschlagen. Somit wurde Auschwitz aus dem Stande des Abstrakten zum Symbol für die Ambivalenz des eigenen Denkens und Handelns und in Form der Negation zum kategorischen Imperativ erhoben. Der in der bürgerlichen Gesellschaft fortwesende, weil notwendig ihm entspringende Antisemitismus geriet ins Zentrum einer Position zwischen den Stühlen. Einerseits kann nur der kosmopolitische Kommunismus den antisemitischen Wahn beenden und den Menschen das glückliche Leben besorgen, dessen Vakanz die Unvernünftigen unter ihnen zur Sündenbocksuche veranlasst. Andererseits sind gerade die - noch dazu dort wo einst zu Unrecht das revolutionäre Potential ausgemacht wurde - dominant und deshalb vehement mit den Waffen der Kritik zu bekämpfen.

Reichen jene sowie in Afghanistan und dem Irak nicht aus, um den Menschen überhaupt erst die Bedingungen zur Emanzipation an die Hand zu geben, darf man froh sein, wenn eine internationale Allianz einmal nicht Diplomatie mit Appeasement verwechselt und militärisch interveniert. Mehr noch sollte dem freilich nicht uneigennützigen Unterfangen Solidarität angediehen werden. 9/11 hat nicht nur die Welt verändert. Es wurde pragmatisch, geschlossene Weltbilder öffneten sich der Vernunft und der Blick fiel vom Wahn des Systems auf den Wahn seiner Subjekte. Urplötzlich war man Liberaler. Zumindest sehen dies die ideologischen Linken so, und natürlich die zahlenschwachen Liberalen selbst. Während die Einen also Verrat rufen, freuen sich die Anderen über den Zuwachs. Doch beide müssen enttäuscht werden. Es gibt gerade unter den Jüngeren durchaus Freunde der Achse des Guten, die niemals wirklich Kommunisten waren und sich schnell den Liberalen feilgeboten haben. Geschenkt. Auf die aber zu schimpfen, wie es die Linken gerne tun, wäre ähnlich sinnlos, wie einen Taubstummen für sein Schweigen zu schelten. Und sich über solche Verstärkung wie manch Liberaler die Hände zu reiben, käme der Freude eines Luxusautohändlers nahe, wenn ein Lumpenproletarier sein Etablissement betritt.

Es bleibt schließlich zu hoffen, dass den Spagat kommunistischer Kritik und liberaler Praxis doch einige mehr zu bewältigen vermochten, als der oberflächliche Blick zunächst wahrhaben will. Man darf des weiteren annehmen, dass von den klugen Köpfen an den Polen des philosophischen Feldes antizipiert wurde, wie der Hase läuft. Im Zickzack bewegt er sich fort und unter Antideutsch steht er im Katalog der Ideologien, oder besser der Ideologen. Denn wer sich diesen Namen selber gibt, muss stehen geblieben sein, wenn er denn überhaupt mal losgegangen ist. Labels sind nämlich nicht einfach nur Begriffe, die dem vernünftigen Denken entspringen und logische Aussagen über die Welt erlauben, sondern Ausbund von Denkfaulheit und Realitätsverlust. Außerdem entlarvt das Labeldenken den Idealisten in seiner Verwertungslogik, nach der Quantität fast ausnahmslos vor Qualität geht. Längst hat sich überdies ein neuer Stempel bewährt gemacht, mit dem man wie ein Igel im Wettlauf mit dem Hasen wenigstens zu Distinktion gelangt. Nicht mehr links und auch nicht wirklich liberal, wird das Feindbild einfach mit Postantideutsch überschrieben. Kommt der Gegner einem mal zu nahe, führt der Angstigel reflexhaft die Stacheln aus. Doch zurück zu den klugen Köpfen.

Unter den Linken erscheint die Auseinandersetzung mit den Antideutschen gemeinhin als ein ewiges Abarbeiten und ist zu einer weiteren Ersatzreligion degeneriert. Die Welt steht still, Randale ist nicht mehr die, die es einmal war und die in revolutionären Eifer geschmückten Aggressionen verlangen nach neuen Objekten. Da zu den Antideutschen aber eher die linke Intelligenzia stieß und die Linke nun auch intellektuell verarmte, wirkt das Schauspiel ab und an wie das Ende einer Romanze, in der ein Part nicht loslassen kann und drum einen Rosenkrieg anzettelt. Ähnliche Züge trägt dies bei den Liberalen, die zu sehr Antikommunisten sind - oft nebenbei gesagt, weil sie selber mal Kommunisten waren - und deshalb den vermeintlichen Überläufer nicht mit offenen Armen, sondern mit erhobenen Fäusten empfangen. Auch hier ist definitiv enttäuschte Liebe im Spiel. Nun könnte man fragen, warum ich diese Unterscheidung mache. Es geht mir nicht darum, ein Ressentiment gegen Mitläufertum und Geistesarmut auszuagieren, obgleich mir nicht selten der Sinn danach steht. Stattdessen will ich die noch nicht im Wahn verlorenen Seelen unter den - wohlgemerkt sich selbst als solche verstehenden - Kommunisten und Liberalen animieren, sich intellektuell mehr und nicht zuletzt offener miteinander auseinanderzusetzen. Wahrlich der diffizilere Weg, bedenkt man zusätzlich, dass das Leben dem Einzelnen weiß Gott noch andere Herausforderungen auferlegt.

Anders gesagt erscheint es mir sinnvoll, statt der Unterschiede auch mal nach den Gemeinsamkeiten zu suchen: Das Festhalten an der Aufklärung nebst kritischen Skeptizismus, die Betonung des Individuums ohne die soziale Frage aus dem Auge zu verlieren, die Hoffnung auf bessere Zeiten samt zynischer Haltung zur Gegenwart. Das soll und wird nicht auf ein romantisches Rendezvous hinauslaufen und geht natürlich nicht ohne Kritik. Den Liberalen gehört ihr Positivismus um die Ohren gehauen und den Kommunisten Stalin bzw. Mao oder Pol Pot. Doch sollten dabei die Grenzen des guten Geschmacks nicht überschritten werden. Viel wichtiger als die Auseinandersetzung ist doch sowieso die geistige Arbeit am Gegenstand. Ausnahme von der Regel stellen Humor und Komik dar, ohne die in dieser Welt nicht auszukommen ist. Vorraussetzung dafür ist aber die Fähigkeit, auch über sich selber lachen zu können. Der eigene hin und wieder auftretende Gedanke, dass wer nicht für mich ist, gegen mich sein muss, ist lächerlich genug, als dass er nicht ein verschmitztes Lächeln über die eigene Beschränktheit hervorzaubern dürfe. Etwas Infantilität, müsste man dann rational sekundieren, lebt in jedem Menschen immer fort. Man nehme nur mal meine melancholische Motivation, das eingangs erwähnte T-Shirt noch heute zu tragen. Verblasste Kommunisten scheinen mir offenbar noch wichtiger zu sein als gar keine mehr. Kindisch! Na und?

Comments (7) to “Ich sehe was, was du nicht siehst”

  1. Gähn…gehen die inhaltlichen Themen aus, dass hier langweilige Selbstreflextion betrieben werden muss? Wen interessiert Ihre Identitätsfindung? Scheint mir eher eine Rechtfertigung und ein Versuch, Zusammenhang in die aufgebauschte, wenn auch in sich logische, jedoch inhaltslose Rhetorik zu bringen. Anhand der geistigen Tiefe ihrer Schreibereien scheint mir eher das Studium und das Kopieren diverser Antifatexte im Vordergrund ihrer Politisierung gestanden zu haben, als wirkliche Lektüre des marx’schen Kapitals oder der Dialektik der Aufklärung von Adorno und Horkheimer. Sonst dürften die Leser von diesem Blog etwas anderes erwarten. Aber, wie Sie sich selbst ganz passend beschrieben, bleiben sie lieber kindisch.

  2. [...] Kann es sein, dass zwischem meinem Appell an die linken und liberalen Rosenkrieger und dem wenige Tage später folgenden Lebewohl des linken Leuchturms Lysis ein Zusammenhang besteht? Wie auch immer, Abarbeitungsausteiger sind mir auch willkommen, wenn ihnen die Einsicht aus sich selbst heraus gekommen ist. So möchte ich auch auf hämische Kommentare verzichten, obwohl er ein - hoffentlich - allerletztes Mal von den verbalradikalen Beißreflexen nicht lassen kann, mit denen er wohl aus Selbstvergewisserung seinen Text zum Ende bringt: Vielleicht lässt sich ja dann wieder von radikaler Gesellschaftskritik reden, statt dass sich auf den Hund gekommene “Linke” zum Fan irgendwelcher beschissenen Nationen und ihrer politischen Führer machen! [...]

  3. Ahja…
    Zu viel gefastet in den letzten Tagen? Ostersonntag ist ja alles wieder zu Ende. Vielleicht ist ab da wieder mehr zu erwarten…

  4. HEIKO, HAU rein MANN.

  5. Toller Text, zu Unrecht so wenig diskutiert…

  6. Danke. Mehr Diskussion habe ich mir auch erhofft. Würde mich freuen, wenn sie zum Text noch was schreiben würden. Vielleicht habe ich den Punkt einfach nicht getroffen…

  7. Nazis, Antisemitismus und Kapitalismus…

    Immer wieder taucht in Teilen der antifaschistischen Linken eine Theorie über Nationalsozialismus, Antisemitismus und Kapitalismus auf:
    Die „antikapitalistische“ Revolte der Nazis war daher vor allem eine Revolte gegen die Juden und Jü…

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