Vorhang auf, für eine kleine Horrorshow…

Wenn eine Lobhudelei auf den Präsidenten des Irans sowie eine Lobpreisung des Aktionismus der Nationalbolschewistischen Partei Rußlands in ein und der selben Zeitung auftauchen, ging ich bis gestern davon aus, dass es sich dabei dann entweder nur um die Junge Freiheit oder die Junge Welt handeln könnte. Falsch gedacht. Seit gestern ist mir schmerzlich bewusst, dass die Berliner Zeitung - zumindest im Feuilleton - auf der gleichen Wellenlänge surft, wie die beiden publizistischen Flagschiffe der lechten und rinken Antiimperialisten.

Den Anfang meines gestrigen morgendlichen Albtraumes machte die Auslandskorrespondentin Katja Tichomirowa mit ihrem Artikel “Piss dir nicht in die Hose”. Darin versucht sich die angebliche Journalistin als leicht identifizierbare Drei-Cent-pro-Zeile-Nutte und bewirbt mit stumpfer Feder den ‘Führer’ der Nationalbolschewistischen Partei Rußlands, Eduard Limonows, als adoleszenten Oppositionellen mit Mumm.

Anlass für den schmeichelhaften Artikel bot ihr die Tatsache, dass ein russischer Regierungsbeamter die Tageszeitung Kommersant verwarnte, weil diese die NBP beim Namen nannte. Eigentlich nun wirklich kein guter Grund ein Fass Tinte aufzumachen, aber Fräulein Tichomirowa lies es sich nicht nehmen, und die Redaktion der Berliner Zeitung hatte noch etwas Platz übrig. Dies ermöglichte dem blonden Gift ihrer politischen Liebe gegenüber den kahlrasierten Sechzehnjährigen der NBP, die reihenweise in die Straflager von Putin-Rußland abwandern, etwas Ausdruck zu verleihen. Doch damit nicht genug. Statt wenigstens einmal darauf hinzuweisen, dass die Ideologie der NBP aus einer kruden Mischung nationalsozialistischer und stalinistischer Programmatik besteht, findet die journalistische Bordsteinschwalbe Tichomirowa nur Worte der Bewunderung für Eduard Limonow. Auch wird von ihr natürlich mit keinem Wort erwähnt, dass der neonazistische Kampfbund Deutscher Sozialisten (KDS) von der NBP als Bruderpartei anerkannt wurde.

Der weitgehend sinnlose, weil wirkungslose Aktionismus der Nationalbolschewisten wird von Tichomirowa massiv in den Vordergrund gestellt. Die demokratischen Kräfte innerhalb der russischen Opposition werden dagegen als Organisatoren von langweiligen Latschdemonstrationen denunziert. Irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, dass da im Sinne der Putinregierung gegen diejenigen der russischen Oppositionellen gehetzt wird, die tatsächlich eine - wenn auch kleine - Chance haben den Alleinherrscher in Moskau etwas in Bedrängnis zu bringen. Die NBP mit ihren spektakulären Aktionen sorgt im Gegenteil dafür, dass die Nachfrage in Rußland nach der ordnenden Hand Putins ungebrochen bleibt.

Gleich neben der Tichomirowa durfte ein gewisser Behrouz Khosrozadeh seine Sicht auf die aktuelle Lage im Nahen Osten präsentieren. Allein die Überschrift seines Hetzartikels raubte mir früh morgens schon komplett die gute Laune:

Ahmadineschad ist nicht die größte Gefahr. Die amerikanische Politik droht den Nahen Osten in eine Katastrophe zu stürzen

Rational gesehen dachte ich bisher immer, dass die Katastrophe in der so genannten arabischen Welt hausbacken ist, sprich mit dem mehr oder weniger irrationalen Verhalten seiner Bewohner zusammenhängt. Nun muss ich vom Lehrbeauftragten am politikwissenschaftlichem Seminar der George-August-Universität Göttingen erfahren, dass “die akute Gefahr” nicht von Teheran ausgehe, sondern von Washington. Dort sitzen nämlich immer noch die bösen Neokonservativen an den Schalthebeln der Macht, an ihrer Spitze Dick Cheney. Der einzige Beweis für seine Hirngespinste ist ein Flugzeugträger:

Die akute Gefahr geht von Washington aus, das mit der Nimitz den dritten Flugzeugträger in den Persischen Golf entsandt hat und damit eine stärkere militärische Präsenz als am Vorabend des Irakkrieges zeigt.

Wie viele Appeasmentfreunde verbreitet auch Khosrozadeh das Märchen von zwei politischen Fraktionen im Iran, welche sich gegenseitig befehden und wovon die eine als gemässigt zu gelten habe. Der promovierte Doktor kennt nunmal sein deutsches Publikum. Dies braucht die Märchen aus 1001 Nacht um seinen irrationalen Hass auf Amerika befriedigen zu können. Wenn Khosrozadeh behauptet, dass es bisher “keinen einzigen Hinweis auf eine militärische Nutzung des iranischen Nuklearprogramms” gibt, dann kann er sich des Applauses der deutschen Idealisten und Antihumanisten gewiss sein. Und für jene die in ihrem europäischen Selbsthass regelmässig selbst baden gehen hat der gute Mann auch immer eine Geschichte parat: Aktuell ist es jene, dass ein General der irakischen Küstenwache die iranische Version bestätigt, nach der sich die Briten nicht im irakischen Hoheitsgewässer befanden als sie von den Truppen des Iran aufgegriffen wurden. Daraus folgt für ihn auch eine weitere schwere Panne:

Die EU hat sich mit ihrer übereilten Parteinahme für Tony Blair im jüngsten Zwischenfall diskreditiert.

Fragt sich nur, ob ‘die EU’ nun für Tony Blair Partei bezog, oder nicht doch für die Freilassung der gefangenen Briten? Ich denke zu wissen, dass es den Ministerpräsidenten der EU-Staaten ganz bestimmt nicht um die Ehrenrettung von “Bushs Schoßhündchen” ging, sondern einzig um das Schicksal der entführten Soldaten. Doch solche Details interessieren Herrn Behrouz Khosrozadeh nicht. Ebensowenig wie es die Berliner Zeitung nicht zu interessieren scheint, dass Khosrozadeh regelmässiger Autor der antizionistischen Hatepage www.arendt-art.de des selbsternannten Künstlers Erhard Arendt ist. Die Texte von Khosrozadeh füllen sogar eine eigene Unterseite unter dem vielsagenden Titel “Der Iran zwischen den Zeiten”. Die Kunst des Portalbetreiber, Erhard Arendt, ist es vernunftbegabten Menschen auf den Nerv zu gehen oder für das nichtexistente Land Palästina im Internet zu trommeln.

Die Kunst der Berliner Zeitung ist es auf der selben Seite auch noch einen Bericht über den deutschnationalen Zotenreißer Fips Asmussen zu drucken. Wie gesagt, erste Seite Feuilleton, drei Artikel, dreimal Brechreiz. Ich verabschiede mich mit seinem Knaller:

Im Gesicht kriegste die Falten, am Arsch ist Platz

Comments (1) to “Vorhang auf, für eine kleine Horrorshow…”

  1. [...] Nach der Lektüre der Berliner Zeitung vom Freitag fiel es mir mal wieder nicht gerade schwer die hochgeschätzte Chronistin zeitgenössischer Zustände, Katja Tichomirowa, vor meinem geistigen Auge in der mir eigenen Mördergrube zu ertränken. Warum? Gemeinsam mit ihrer Kollegin Wiebke Hollersen liefert sie sich derzeit eine verdammt enges Wettrennen darum, wer zuerst von mir den Nachwuchspreis für wahrlich unterirdischen Journalismus, den graune Maulwurf, in diesem Jahr verliehen bekommt. Zur Zeit steht es noch Unentschieden, da beide am Freitag ihre Füße nicht stillhalten konnten… [...]

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