Antiamerikanische Marionetten

Nach der Lektüre der Berliner Zeitung vom Freitag fiel es mir mal wieder nicht gerade schwer die hochgeschätzte Chronistin zeitgenössischer Zustände, Katja Tichomirowa, vor meinem geistigen Auge in der mir eigenen Mördergrube zu ertränken. Warum? Gemeinsam mit ihrer Kollegin Wiebke Hollersen liefert sie sich derzeit eine verdammt enges Wettrennen darum, wer zuerst von mir den Nachwuchspreis für wahrlich unterirdischen Journalismus, den grauen Maulwurf, in diesem Jahr verliehen bekommt. Zur Zeit steht es noch Unentschieden, da beide am Freitag ihre Füße nicht stillhalten konnten…

Zuerst ging Tichomirowa ziemlich locker in Führung. Ihre Gesprächsführung mit dem Leiter des Moskauer Instituts für Politikforschung, Sergeij Markow, war dermassen miserabel, dass man mutmassen musste, entweder ihr Anstand oder ihr Verstand hat vorzeitigt die Biege gemacht. Auf die Frage ob es nicht besser gewesen wäre, den Gipfel abzusagen, antwortet Putins Sprachrohr:

Die russisch-europäischen Beziehungen befinden sich keineswegs an einem Tiefpunkt, sie entwickeln sich sehr dynamisch. Immer mehr Russen reisen nach Europa, immer mehr Europäer nach Russland. Russland und die EU vertreten in nahezu allen Schlüsselfragen sehr ähnliche Positionen, ob es um den Terrorismus geht, Irans Atomprogramm oder Nahost. Das gefällt nicht allen. Bestimmte nationalistische Gruppierungen in der EU - polnische, estnische und lettische - versuchen zu torpedieren. In der Regel handelt es sich um amerikanische Marionetten und die Hauptmarionette ist Polen. Polen ist doch heute eher ein Mitgliedstaat der USA als der EU. Zudem wollen wir einige Probleme gelöst wissen. Es gefällt uns nicht, dass Russen innerhalb der EU die Rolle von Negern und Juden einnehmen.

Für mich wäre an diesem Punkt normalweiser Schluss mit der verbalen Kommunikation. Markow dekliniert hier förmlich alle alteuropäischen Stereotype durch, ohne auch nur einmal mit der Wimper zu zucken. Doch Tichomirowa sieht das anders. Als wäre es für sie noch nicht deutlich genug gewesen, fragt sie ganz unschuldig und ungeduldig nach, wie ihr Gesprächspartner diese Hasstirade wohl gemeint habe mag. Und so antwortet dieser kurz und knapp:

Neger, weil sie behandelt werden wie Menschen zweiter Klasse. Juden, weil man sie anti-europäischer Verschwörungen verdächtigt, wie in Lettland und Estland. Wir sind bereit, über eigene innenpolitische Probleme zu reden, wenn auch die undemokratischen Regime in Lettland und Estland zur Sprache kommen.

Bingo! Undemokratisch ist das Regime in Estland und Lettland deshalb, weil es nicht russischen Interessen dient. In Russland dagegen herrscht - das wissen wir spätens seit Gerhard Schröder - eine Musterdemokratie wie sie sonst nur im deutschen Bilderbuch zu finden ist. Doch zum Glück, hat Tichomirowa davon ebenso keine Ahnung, wie von Antisemitismus bzw. Rassismus und so fragt sie den Lautsprecher Putins völlig debil, welche Werte den von Russland und der EU noch so geteilt werden. Und siehe da Markow, hat auch darauf eine knackige Antwort parat:

Wir teilen die Werte der jüdisch-christlichen Zivilisation, die besonderen Werte einer sozialen Marktwirtschaft, wie kostenlose Bildung, Gesundheitsversorgung und Reisefreiheit, die Freiheit des Wortes sowie die Werte der Demokratie als politischem Wettbewerb und einer Führung, die die Interessen der Mehrheit vertritt und die der Minderheiten schützt.

Wer dies nicht glauben will, der wird ganz schnell den Schlagstock der russischen Demokratie zu spüren bekommen. Die ’schwule’ oder die ‘kaukasische’ Minderheit in Russland kann ein Lied davon singen. Doch dies interessiert die schreibende Zunft in Deutschland immer nur dann, wenn ein Vertreter der deutschen (schwulen) Minderheit in Moskau auf die Fresse bekommt. Die gute Tichomirowa interessiert es nur, wenn mal wieder einer ihrer nationalbolschewistischen Freunde verhaftet wird. So kurz und knapp lässt sich ‘objektiver Journalismus’ der einzig subjektive politische Vorlieben transportiert beschreiben. Ebenso eine Meisterin dieses abscheulichen Genres ist Wiebke Hollersen von der Berliner Zeitung. Sie outet sich mit ihrem Artikel zum Thema Mc Donalds in Kreuzberg als veritables Mitglied der nationalen und sozialistischen Mehrheit in diesem Land.

Auch sie gehört zu jener intellektuellen Blase, die es niemals mitbekommen darf, dass der Antiamerikanismus spätestens in den letzten sechs Jahren von einem festen Bestandteil der Subkultur zur absoluten Leitkultur in Deutschland avancierte. Sonst könnte sie niemals aus dem normalen Anlass das ein MC Donalds in einem Berliner Stadtteil eröffnen möchte, jenen fliegenden Elefanten konstruieren, den sie gerade in ihrem Blog steigen lässt:

In Kreuzberg wird ein McDonalds gebaut. Der erste McDonalds. Mitten in SO36. Es gibt Leute in Kreuzberg, die das nicht so gut finden. Und es gibt viele Leute außerhalb von Kreuzberg, die es wiederum nicht gut finden, dass die Kreuzberger das nicht gut finden. Es sei anti-amerikanisch gegen McDonalds zu sein, heißt es unter anderem. Ach ja?

Das ist eine ziemlich einfache Schlussfolgerung. Sie klingt prima. Anti-anti-amerikanisch sein ist schick.

Es mag derzeit im Nachbarland Polen schick sein, auf der Seite der Amerikaner zu stehen. Es mag in Großbritannien so sein, dass russische Oppositionelle den ein oder anderen englischen Fussballtraditionsclub kaufen. In Deutschland aber sieht es komplett anders aus: Die Russland AG in Form von Gazprom holt sich den letzten deutschen Bundeskanzler als Berater und kauft sich beim Deutschen Vizefussballmeister, Schalke 04, dick ein. Darüberhinaus müsste es eigentlich jedem Deppen auffallen, dass über jeden innenpolitischen Pups aus den Vereinigten Staaten in Deutschland mehr Aufregung herrscht als in den USA selbst und wenn in Russland mal wieder die antidemokratischen Daumenschrauben etwas fester angedreht werden, mal wieder in Old Europe Totenstille herrscht, weil man von den russischen Gas- bzw. Öllieferungen abhängig ist. Schon interessant, dass Amerika immer dafür gescholten wird, seine wirtschaftlichen Interesse relativ offen zu vertreten, während in Deutschland - um des lieben Weltfrieden wegen - es nur immer nur heimlich gemacht wird…

Doch zurück zur geifernden Wiebke die gerade all ihre angesammelten Ressentiments mit einmal auskotzen mag:

Aber folgt daraus, dass man sich über jeden neuen Fastfood-Ketten-Laden freuen muss? Oder darüber, dass es in jeder Stadt auf der Welt in jeder Einkaufsstraße die gleiche langweilige Systemgastronomie gibt?

Der Teil von Kreuzberg, der SO36 genannt wird, ist in dieser Hinsicht bisher eine Insel der Glückseligkeit. Es gibt nicht nur bisher keinen McDonalds. Sondern auch keine andere Hamburger- oder Latte-Macchiato- oder Sandwich- oder Doughnuts-Kette. Es gibt auch keine Eis-Kette. Keine Kleiderläden von skandinavischen oder spanischen Rund-um-die-Welt-Versorgern. Keine Kaufhäuser. Und so weiter.

Es gibt in SO36 sehr viele kleine Läden, Restaurants, Imbisse und Cafés und sonst nichts. Ich finde, das ist ziemlich schön. Und ein ziemlich guter Grund, gegen den ersten McDonalds in Kreuzberg zu sein.

Oder gegen die skandinavischen bzw. spanischen Rund-um-die-Welt-Versorgern. Okay, wir haben es ja verstanden: Wiebke will nur deutschen Ökofrass von der BDM-Tante Emma um die Ecke! Und - wie ein Kommentator es so schön formuliert - das “Selbstbestimmungsrecht der Leute in Kreuzberg” verteidigen. Um den Angriff der fiesen Fast-Food-Strategen abzuwehren, würde die Hollersen womöglich auch im Kreuzberger Wehrdorf herumzündeln. Und das alles nur, weil niemand - auch ihre unzähligen schwäbischen Grundschullehrer nicht - ihr jemals auch nur eines der unzähligen Geheimnisse des Kapitalismus verraten haben: Zum Beispiel jenes, welches die Nachfrage und das Angebot betrifft.

Ich muss weg, Ronald Mc Donalds wartet auf mich…

Comments (1) to “Antiamerikanische Marionetten”

  1. ökofrass aus der region für ökofratzen aus der region. es wird zeit. sey hello to macky d.! mal sehen, ob die einen kreuzburger royal mit käse im angebot haben werden…

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