Der Tresor Berlin zwischen Mythos und Markt

Berauscht von Glücksfragmenten körpereigener und synthetischer Drogen, im Bund mit den üblichen Verdächtigen oder neu zusammengewürfelten Mitspielern in einem Spiel für Erwachsene. Das künstliche Selbstbewusstsein wiegt allmählich die Ängste auf, während ein atypischer Aktionismus der Lethargie einen Sieg abringt. Irgendwo zwischen Wahn und Wirklichkeit, zwischen Indifferenz und Einspruch gegen das beschädigte Leben. Der Initiationsritus vor einer rauschenden Clubnacht, der auch als Vorglühen bekannt ist, markiert den Anfang des Ausstiegs vom Alltag in ein Abenteuer. Die Schatzsuche beginnt. Das Ziel ist der Tresor Berlin.

Doch genug des Pathos, hin zu den schmeichelnden Fakten. Der wohl berühmteste Technoclub der Welt öffnete am 24. Mai wieder die Pforten in den Himmel - und in die Hölle. Sven Väth, eine Ikone der internationalen Technoszene, legte nach über zwei Jahren Zwangspause die ersten Platten auf. In der Köpenicker Straße, im alten Vattenfall-Gebäude am südlichen Spreeufer, liegt das neue Domizil von Dimitri Hegemann, dem Gründervater des Tresors. Mit Ausnahme vielleicht des Berghains, dem ehemaligen Ostgut, am Wriezener Bahnhof in Berlin Friedrichshain, gibt es keinen Club in der Hauptstadt, der so sehr mit Mythen und Legenden behangen ist. Der Tresor schien immer mehr zu sein als ein Raum zum flüchtigen Amusement und zur amüsierten Flucht.

Eine Nacht dort bedeutet etwas. Der Vergleich mit einer Nacht unter dem ach so romantischen Sternenhimmel verbietet sich schon durch die Mannigfaltigkeit der Eindrücke, die immer wieder die Substanz der Vorfreude wie auch der Nachbereitung ausmacht. Erwähnen sie in einem Gespräch diesen Club, können sie von ihrem tresorkundigen Gegenüber als erstes immer ein wissendes Lächeln erwarten. Immer. Der Tresor schließlich verbindet die Menschen und macht sie zu Jüngern, die sich an Schlüsselbändern und Shirts erkennen. Treffen sie aufeinander, grüßt man sich dezent. Ein Nicken, ein Lächeln, man versteht sich, ob in Detmold oder Detroit.

Wegen der wahrscheinlich liberalsten Türpolitik in der Berliner Clubszene, hat schon die Vielzahl und Verschiedenheit der Gäste ihren Reiz. Touristen machen den Tresor global, Dradqueens sorgen für Skurrilität, Hippies bringen die Natur in den Club, Banker und Geschäftsleute das Geld, Wannabes aller Art simulieren Stilbewusstsein und Frührentner erinnern, dass noch lange nicht Schluss ist. Sogar der Papst würde hier zu bewusstseinserweiternden Substanzen greifen.

Ein generelles Gefühl von Grenzenlosigkeit stellte sich stets ein, sobald man im Keller des alten Komplexes das eiserne Gatter passierte und eintauchte in eine Melange aus dickem, undurchsichtigem Nebel und im Stroboskoplicht zuckenden Leibern. Das Vital-Gebrechliche und Harmonisch-Brutale bildeten im Tresor eine Liaison auf wundersame Weise. Der Sound war unglaublich hart, aber ob der charakteristischen monotonen Bässe, auch ungemein treibend. Von der Decke tropfte der Schweiß sinnbildlich für das Raue und Schmutzige, das mit allem brach, was man „draußen“ kannte. Nichts schien dort unten unmöglich zu sein. Und tatsächlich erleben Menschen im Tresor Dinge, von denen sie nicht einmal zu Träumen gewagt hätten. Tatsächlich gibt es nicht Wenige, die den Tresor anbeten, für die er eine beeindruckende Größe darstellt. Letzteres kann oft ein wenig verstören. Für sie ist der Tresor Ersatzreligion und Therapie zugleich, als wäre er eine soziale Einrichtung. Ein “historischer Volltreffer”, so Hegemann in einem Interview, war er aber allemal.

Ohne Frage bringt in einer Welt, in der der Mensch des Menschen Feind ist, der Tresor sie zusammen wie kaum ein anderer Club. Das muss erst einmal gar nicht positiv sein, eine Möglichkeit jedoch ist es allemal. Angefangen hat das alles wie so oft ganz klein. Die Geschichte des Tresors geht zurück in das Jahr 1988, als der eiserne Vorhang die Hauptstadt noch in Ost und West teilte. Damals eröffnete das Interfisch - Label im Westen der Stadt den UFO-Club, der bis heute als die Geburtsstätte der Berliner House- und Technobewegung gilt. Nach dem Fall der Mauer suchte der Chef des kleinen Labels, Dimitri Hegemann, in Ostberlin nach einer neuen Location und stieß auf den Keller vom alten Wertheim-Kaufhaus in der Leipziger Strasse. Darin befand sich früher der Tresor des Etablissements. Für einen Club mit Pionierstatus und Undergrundhabitus schien dies der ideale Raum zu sein, der neue Name lag auf der Hand.

Im Kontrast zu den kleinen Schritten zu Beginn, gewann der Tresor durch die Verbindung zur Detroiter Techno-Szene schnell zu globaler Bedeutung und Bekanntheit. GI`s, die sich noch in der Stadt befanden, feierten dort mit berauschten und zugleich orientierungslosen Deutschen und interessierten Touristen aus den unterschiedlichsten Gründen durch die von Aufbruchsstimmung geschwängerten Nächte. Der Fortschritt, der für Viele eine Illusion bleiben sollte, setzte sich im Tresor unaufhaltsam fort. Sein Einfluss auf die Sphären elektronischer Musik war gewaltig. Dem Image Berlins tat er wegen seiner weltweiten Bekanntheit einen Bärendienst, wider den Willen einiger Vertreter der Stadt und sicher auch Teilen des Tresorteams gilt er mittlerweile als Kulturgut. Der ständige Trouble der Veranstalter mit den Behörden, die in regelmäßigen Abständen eine baubedingte Schließung forderten, hat die Tresorianer nur noch stärker gemacht und den Zusammenhalt zementiert.

2005 war es dann doch so weit. Die Schließung war nicht mehr abzuwenden. Aus der Perspektive der Tresor-Community lesen sich die nicht unbedeutenden Ereignisse lakonisch-lapidar: “Tresor Club was finally being pushed out from its little corner of Potsdamer Platz and the land would be used to build a high-rise insurance company building.”

Tatsächlich fand dann die letzte Party am 16. April 2005 statt, nachdem 2 Wochen lang unter dem Motto „It`s not over“ ausgelassen aber wehmütig gefeiert wurde. “Die letzten Fans mussten von den Sicherheitsleuten nach draußen getragen werden. Einige weinten, andere klammerten sich an das, was sie gerade greifen konnten, als könnten sie damit das verhindern, was kurz darauf im Internet gemeldet wurde: `Wir haben es jetzt 14 Uhr und den Tresor gibt es seit einigen Minuten nicht mehr.`” All die großen Künstler der 90er Jahre und Jetztzeit gaben sich noch einmal die Ehre, Platten in dem geschichtsträchtigen Gebäude aufzulegen und somit selber in die Geschichte einzugehen. Wenige Tage später blieb nur noch Schutt und Asche. Den sogenanten True Spirit wollten Hegemann und Konsorten jedoch nicht unter den Trümmern verborgen lassen. Die traditionell Mittwochnacht stattfindende Party, der Bonito House Club, zog um in die Maria am Ostbahnhof, nicht unweit von der Stätte des neuen Tresors entfernt. Überdies tourte der Tresor heimatlos durch die ganze Welt, um den True Spirit höchstpersönlich überall zu versprühen und nicht zuletzt darauf hinzuweisen, dass es wirklich noch nicht vorbei ist. Außerdem durfte sich die Community auf den irgendwo zwischen Nüchternheit und Nostalgie oszillierenden Dokumentarfilm The vault & the electronic frontier des britischen Produzenten Mike Andrawis freuen.

Es lag nahe, dass den Ersatzreligiösen und Therapiebedürftigen unter den Tresorianern ihr glückspendendes Kontinuum zu heilig war, um einen letzten desperaten Protestversuch zu unterlassen. Sein Niveau erreichte den erwarteten Tiefstand. Im Zuge der alljährlichen Fuckparade die sich als Antiparty zur kommerziellen Loveparade versteht, kam dem Tresor eine wichtige Rolle als Symbol im Kampf gegen Umstrukturierung zu - die Demonstration zog an ihm vorbei. Die Stadt und zahlungskräftige Investoren strebten eine Homogenisierung des Potsdamer Platz an, welcher der Tresor und andere Berliner Clubs notwendig zum Opfer fallen mussten. Klar wurde, dass der True Spirit eine Illusion nur war und keine höhere Macht, die ökonomischen Prozessen etwas entgegenzusetzen hätte. Die Ursache der manifest gewordenen Schwäche liegt nicht in der Unzulänglichkeit der Praxis gegen die Schließung, sondern bereits in der Analyse.

Es hätte sich eine entscheidende Frage stellen müssen. Was ist der Unterschied zwischen dem Sony Center am Potsdamer Platz und dem Tresor?

Das Sony Center ragt phallusartig in die Höhe und soll wohl die dicken Eier der Hauptstadt demonstrieren. Außerdem befinden sich dort neben kulturindustriellen Einrichtungen noch zahlreiche Büroräume. Doch das war es dann auch schon. Mehr als diese formalen Aspekte liegen nicht zwischen den beiden so unterschiedlich wahrgenommenen Orten. Hier ein Ort der Unterdrücker, dort ein Ort der Unterdrückten, von dem heute nichts mehr übrig geblieben ist. Unterschlagen wird, dass der Tresor ein ganz normales Unternehmen ist, ein Club unter vielen. Auch Hegemann wird es wider Selbstoffenbarung und Unterstellungen auch um Profit gehen, mit Sicherheit mehr als er es sich selbst und der Öffentlichkeit glauben macht. Worum denn auch sonst.

Die Eintrittspreise liegen am Wochenende zwischen 10 und 15 Euro im Durchschnitt der Berliner Clubszene. Lediglich am Mittwoch, wenn der ebenso legendäre Bonito House Club auf der Nachtordnung steht, scheint der läppische Eintritt von 5 Euro (im alten Tresor waren es noch 3) dem Konkurrenzprinzip enthoben. Doch der Schein trügt wie so oft, denn große Namen stehen am Mittwoch nicht hinter den Turntables. Zudem erhalten in den sogenannten Tresor Headquarters noch unbekannte DJ`s, nämlich New Faces, die Gelegenheit, sich ohne Gage zu beweisen. Eine gute Sache, keine Frage. Der Cashflow aber bleibt so sicher wie das Amen in der Kirche.

Der Tresor kennt freilich noch andere Wege an das Geld seiner Gäste zu kommen. Die Getränkepreise, jeder erfahrene Clubgänger wird das bestätigen, sind nämlich nicht nur für das Volumen des eigenen Portemonnaie entscheidend, sondern auch für das der Veranstalter. Wasser gibt es zwar im Tresor auf Nachfrage für lau. Damit wird aber nicht nur einem Usus Genüge getan, sondern auch dem potentiellen Imageschaden durch Medienberichte über „Techno-Opfer“ gar nicht altruistisch vorgebeugt. Ansonsten sind die Getränkepreise wie gewöhnlich hoch, es sei denn man gehört praktisch zum Inventar oder hat schon mal mit einem Barkeeper gevögelt. Ein Bier 3 Euro, ein Longdrink 7 Euro, in der neuen Heimat bezahlt man zusätzlich einen umstrittenen Pfand von 1 Euro. Weil ich es mir wert bin?

Im Keller des alten Gebäudes, dem eigentlichen Tresor, befand sich zudem ein Merchandisestand, an dem ebenfalls fast niemand vorbeigekommen ist und der nun natürlich auch im neuen Gebäude auf die Verbundenheit des zahlenden Publikums hofft. Der Klassiker, ein schlichtes Shirt mit Namen und Logo des Tresors ist für 20 Euro auch im Onlineshop auf der eigenen Homepage zu erstehen. Die Marke verkauft sich gut. Das selbe gilt für das hauseigene Label Tresor Records, dessen erster Release war das Album „Sonic Destroyer“ der musikalisch überragenden aber auch politisch unterirdischen Underground Resistance. Wer darin den Untergrund verortet, glaubt bestimmt auch, dass unter Rasenflächen und Straßenpflastern nichts mehr kommt. Und wer damit Widerstand verbindet, hält wohl genauso Bionade für „das offizielle Getränk einer besseren Welt“. Underground Resistance, die mit „Jaguar“ einen der berühmtesten und eingänglichsten Track der Technohistorie produzierten und sich noch heute als „label for a movement“ stilisieren, glauben selbst bar jeder Vernunft immer noch an das revolutionäre Potential ihres Genres: “Isn’t it obvious that music and dance are the keys to the universe? So called primitive animals and tribal humans have known this for thousands of years!”

Die Compilation „It`s not Over“, die 2005 auf dem hauseigenen Label zum endgültigen Ende des Tresors in der Leipziger Straße veröffentlicht wurde, brachte noch einmal große Namen zusammen, um den harten Sound des Detroit Techno in Angedenken und Aufbruchstimmung zu vertonen. Eine wahrlich großartige Platte, aber auch ein Anachronismus angesichts der heutigen Hegemonie des deutlich kleinlauteren Minimal und dem populären Moment elektronischer Musik allgemein. Nicht zu Unrecht resümierte Andreas Hartmann dementsprechend in einer Besprechung in der Taz: “Doch andererseits wird man auch recht schnell müde und hat das Gefühl, hier würde etwas künstlich am Leben erhalten, eine Revolution von gestern als etwas verkauft, was gerade eben statt finden würde. Diese Compilation bietet wohl doch weniger eine Ahnung von einem Neubeginn, sondern ist ein weiterer Schritt auf einem qualvollen letzten Weg, einem Abschied nehmen auf Raten.”

Als das Label und der Club noch in den Kinderschuhen steckte und Techno noch nicht populär war, mussten die Macher an die Illusion einer urbanen Insel inmitten der städtischen Zumutungen der modernen Welt glauben, ob sie wollten oder nicht. Gerade in den Subkulturen wurden Ideale zu Beginn immer hochgehalten, bevor sie dann in den Einheitsbrei der Kulturindustrie versenkt wurden. Nun ist die Musikindustrie aber kein gefräßiges Monster, keine Heuschrecke, sondern eine durch und durch rationalistische Sphäre in einer Gesellschaft, deren Mitglieder bis zu diesem Tag schlichtweg nicht mehr verdient haben. Außerdem gehören zu einem Deal wie zu einem Streit zwei Parteien, der sogenannte Ausverkauf des Tresors, den einige zu Unrecht erst mit dem neuen Gebäude gleichsetzen, ist ohne die Unterschrift von Hegemann nicht möglich. Ist das Besondere schließlich vom Allgemeinen restlos usurpiert worden, gelten die gleichen Ideale nur noch als Verkaufsargument, als Werbung für eine vermeintlich bessere Ware.

Weil hinter dem vermeintlichen Widerstandes des Untergrundes fast immer die Energie des gekränkten Narzissmus steht, anders und besser zu sein, gleicht die Prozedur einer Endlosschleife. Das Immergleiche treibt wieder und wieder zu Rebellion und Verweigerung, macht aber den Feinden schnell die Mittel streitig, die oft wiederum selber dem Bestehenden immanent sind. So gab es zum Beispiel Gitarren, Schlagzeug und talentfreie Sänger schon vor dem Boom des Punkrock. Und auch die Wurzeln elektronischer Musik reichen weit zurück bis in die 70er Jahre, als Robert Moog mit seinem Synthesizer den vielleicht entscheidenden technischen Grundstein legte, mithin sogar bis zum Beginn des vergangenen Jahrhunderts.

Wirklicher Widerstand lässt sich nicht praktizieren und erst recht nicht verkaufen. Ché Guevara mit Popstarattitüde, Palitücher bei Peek & Cloppenburg und viele andere angeblich widerständige Codes sind längst zu austauschbaren Marken geworden. Sie spiegeln noch dazu wieder, dass der Mainstream in Deutschland weiterhin Gefallen an Barbarei im Namen von Frieden und Gerechtigkeit findet. Außerdem spiegeln sie vor, die Welt sei ausgerechnet dort in Ordnung, wo man gar nicht soviel essen kann, wie man kotzen will. Und auch in der Tat geistreiche Worte wie „Tresor never sleeps“ taugen als Parole der Emanzipation so wenig wie das berühmte Logo als das Wahrzeichen der Revolution.

Das sympathisch anmutende, auch im Tresor herrschende Motto „Friedlich Feiern“ gehört zu den Idealen, die überlebt haben. Raub und Prügel wie in bestimmten Berliner Bezirken oder Brandenburger Provinzen üblich, gab es dort tatsächlich nicht mehr denn Razzien der Polizei. Der hippieske Anspruch blamiert sich jedoch an der Wirklichkeit des Türstehers, ohne den auch im Tresor nicht friedlich gefeiert werden könnte. Analog zu den rechtsstaatlichen Institutionen, die wie gesagt auch ab und an zu den Besuchern zählten, sorgen sie für die gewünschte Ordnung. Gebaut wird auf den vorauseilenden Gehorsam der Gäste. Die Ausnahmen von der Regel sind einkalkuliert, gerade im Wissen um den idealistischen Charakter des Mottos. Im neuen Tresor stehen nebenbei nicht mehr die von Bausparrockern recht fernen Hells Angels vor der Tür, sondern bloß ein uniformierter Haufen Muskelmasse.

Entgegen apologetischer Verlautbarungen ist das Wesen des Menschen nicht von Natur aus böse. Seine Abgründe sind das Produkt der würdelosen Herrschaft des Menschen über den Menschen. Durch die ökonomische Konkurrenz sind die Einzelnen von einander verschieden und einzig im Besitz ihrer Arbeitskraft sich gleich. Dagegen stehen sie gegenüber Moral und Recht in der Pflicht, die keine Abkehr von den Konventionen dulden. Im Normalfall trägt dieser Widerspruch zu gestörten zwischenmenschlichen Beziehungen und Neurosen bei. Egal ob in der Stadt oder auf dem vermeintlich unberührten Lande. In extremo trachtet man gar nach dem Leben des Anderen. Die hässliche Realität als natürlich zu affirmieren oder wie im Fall des Tresors hübsch einzukleiden, ist grundsätzlich ein und das selbe. Nicht das falsche Ganze wird negiert, sondern die Wahrheit, dass die Welt ein falsches Ganzes ist.

Die über den Lifestyle hinausreichende Botschaft, wie sich zum Beispiel auf der alljährlichen Fuckparade artikuliert, meint überdies einen Frieden, mit dem sich die einst militante Volksgemeinschaft arrangiert hat. Den Frieden gegenüber den Völkern, die von amerikanischen und israelischen Aggressionen bedroht sind. Und den Frieden der Hütten, dem Spekulanten und Politiker im Wege stehen. Das genuine Tresor-Volk identifiziert sich bis auf Ausnahmen mit dem Anliegen, sich der Moderne zu verweigern und sie durch Personalisierung und Verschwörungstheorien zu simplifizieren. Paradigmatisch steht dafür die öffentlich bekannte Unterstützung der Gesellschaft für bedrohte Völker und die Nähe zur von der Fuckparade auf die Spitze getriebenen Stadtguerilla. Paradoxerweise sind es die Mittel der Moderne selbst, die sich dem antimodernen Zweck zu unterwerfen haben. Die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft jedoch kennt keinen Zweck, außer sich selbst zu reproduzieren. Sie strebt nicht ein besseres Leben für alle Menschen an. Und ob diejenigen, die es sich zu leisten vermögen, friedlich feiern können, ist ihr einerlei.

Es ist unmöglich, den Feind mit seinen eigenen Waffen zu schlagen, nein, es ist sogar unmöglich, diesem Duell aus dem Weg zu gehen. „Wenn du dich mit dem Teufel anlegst, verändert sich nicht der Teufel. Der Teufel verändert dich.“ So wenig diese Botschaft zur Gesellschaftskritik taugt, so sehr deutet sie doch auf das Dilemma im Spätkapitalismus hin. Ideale sind nur noch ökonomische Faktoren und der Markt verleibt sich den Mythos ein. Wenn man sich dem Ausverkauf wie der explizit linke RAW-Tempel in Friedrichshain oberflächlich verweigert, ist man genauso kein Gegner mehr und taugt auch nicht als Fluchtraum auf Zeit. Man bleibt bloß arm und selbstzufrieden. Hegemann hat vielleicht seine Seele verkauft, dafür nagt er wenigstens nicht am Hungertuch. Schon für den alten Tresor in der Leipziger Straße gilt: Der metaphysische Unsinn, der uns weismachen will, das Ganze im Tresor wäre mehr als die Summe seiner Teile geht Hand in Hand mit der ökonomischen Ratio, die noch in der dunkelsten Ecke dort aufgestöbert werden kann.

Comments (21) to “Der Tresor Berlin zwischen Mythos und Markt”

  1. Puha. Hab versucht alles zu lesen und einen persönlichen Gewinn drauß zu ziehen. Fällt schwer, aber vielleicht nicht unmöglich.
    Zu ergänzen wäre: Sven Väth hatte bei der ersten (?) Loveparade die Message unters Volk geshoutet: Und an alle Juden da draußen: Ihr könnten mal ein bisschen weniger rumheulen. (sinngemäß)

  2. „Wegen der wahrscheinlich liberalsten Türpolitik in der Berliner Clubszene, hat schon die Vielzahl und Verschiedenheit der Gäste ihren Reiz.“

    Die Wahrheit sah doch schon länger (auch schon zu den Restlaufzeiten in der Leipzigerstr.) ganz anders aus. Von einer Verschiedenheit der Gäste konnte doch keine Rede mehr sein. Der Tresor entwickelte sich leider immer mehr zur umlandigen Diskoalternative. Sicherlich verliefen sich auch mal ein paar Touristen in den nebligen Ecken des Clubs aber der Hauptbestandteil der verbliebenen Stammgäste bestand aus ätzenden Prollpack. Das war nicht immer so sondern mehr unangenehme Entwicklung der letzen Zeit, der Clubkultur und der elektronischen Vergnügungsmusik.

  3. die geschichte mit den juden, die mal aufhören sollen rumzuheulen, fand weder auf der ersten loveparade statt, noch hat sie sven väöth verbrochen. das war dr. motte, aber egal. hier irgendwas geraderücken zu wollen, gerade was techno und clubkultur angeht, ist nicht nur verschwendete mühe, sondern eine perle vor die säue.

  4. die geschichte mit den juden, die mal aufhören sollen rumzuheulen, fand weder auf der ersten loveparade statt, noch hat sie sven väth verbrochen. das war dr. motte, aber egal. hier irgendwas geraderücken zu wollen, gerade was techno und clubkultur angeht, ist nicht nur verschwendete mühe, sondern eine perle vor die säue.

  5. Ja, ja, das mag sein, du Besserwisser, dies ist aber noch lange kein Grund hier deinen Senf zweimal zu posten…

    Hier das Originalzitat von Dr. Motte aus den 90er Jahren: “Dies ist mein Aufruf an alle Juden der Welt: Sie sollten mal eine andere Platte auflegen. Und nicht immer nur rumheulen.

  6. @TresiBollo: 1:0 für dich. Die Tendenz zum Proletentum, besonders dem aus Brandenburg, war zweifellos zu beobachten. Ehrlich gesagt fehlt mir da aber auch der Vergleich zu den 90er Jahren. Du kannst ja mal aus dem Nähkästchen plaudern. In Relation beispielsweise zum etwas zu stylishen Berghain und zur überprolligen Maria, finde ich das Publikum gerade auch im neuen Tresor angenehmer.

  7. Auch mich überkam der heimliche Zweifel und verwünscht, man sollte nie ohne Quelle zitieren. Dr. Motte wars, dokumentiert ists im Wörterbuch des Gutmenschen 2, der Beitrag von Wiglaf Droste heißt Love Parade und ist auf Seite 127 zu lesen.
    Sven Väth, offizielle Entschuldigung, aber wenn man gemeinsam mit solchen Leuten die gleiche Musik macht, muss man mit sowas rechnen.

  8. Clubcultur… Das Einfügen in den Wert, das Zelebrieren der totalen Vereinzelung des Individuums in der Masse? Das Stampfen zum Immergleichen? Irgendwie deshalb kam mir Techno oft unheimlich vor, ohne das fix machen zu wollen. Aber mich ekeln inzwischen auch banale Rockkonzerte mit ihren immergleichen Befehlen von der Bühne (Hands up!) und dem willigen Gehorsam, der zur Schau getragen wird. Von da zum Stechschritt ist es nur ein kleiner Schritt, möchte man munkeln.

  9. Dein Gedanke hat es in sich. Zwei Dinge jedoch führen in mir zu Widerstand. Einmal bin ich eben einer von denen, die gerne zum Immergleichen stampfen. Und dann stört mich die Relation zu Rockkonzerten, vor allen Dingen das “inzwischen” deiner Aussage. Da es außerdem Musik- und Tanzveranstaltungen auch schon in der Vorgeschichte gab, ist mir persönlich die Analogie zur Religion doch lieber: Das Verhältnis der Jünger zum Prediger, die Reinigung der Seele in Trance, die Illusion von echter Gemeinschaft und Wohlfahrt. Ich werde dein Gesagtes aber nochmal sacken lassen und bei Gelegenheit ausfühlich darauf antworten und evtl. auch einen Beitrag schreiben.

  10. Grober Fauxpas: “Friedlich Feiern” ist nicht das “Tresor-Motto” wie in dem Beitrag fälschlicherweise behauptet, sondern eine Berliner Gabber-Partyreihe (der Link im Artikel verweist auf deren Seite!), die u.a. im Cassiopeia nicht mehr stattfinden darf wegen Thor Steinar-tragendem Publikum. Die Veranstalter von FF entblödeten sich nicht, dies als “Party Zensur” zu bezeichnen. Aber es gibt noch Orte in Berlin (Strandbad Grünau, Pulp Mansion) wo in der Thor Steinar-Hose gejodelt bzw. Gabber getanzt werden darf.

  11. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ein Che Guevara T-Shirt, ein Palituch oder diese unsäglichen “US World Domination”-Hoodies erträglicher finde als einen von Thor Steinar.

  12. Zwar mag Unkultur offiziell Recht haben, aber inoffiziell ist es doch einfach mal so, dass Friedlich Feiern im Tresor und anderen kommerziellen Einrichtungen dieser Art eher möglich ist, als in irgendeinem linken Tanzschuppen…

  13. @Unkultur: Grundsätzlich hast du ja Recht. Es gab aber im alten Tresor einige Partys der “Friedlich Feiern”-Crew und inoffiziell ist das Motto auch mit ihm verbunden. Deine Thor-Steinar-Anekdote finde ich persönlich nicht wirklich spannend. Ich halte es daher eher mit dem Kollegen deLarge. Außerdem: Die Clubszene eines Landes ist nie besser als seine Einwohner. Die Flucht in die “saubere Subkultur” habe ich nebenbei dort kommentiert: http://bad-blog.com/2007/05/10/the-sweet-escape/

  14. Nachtrag: Edwards Beitrag habe ich, während ich meinen schrieb, noch nicht lesen können. Nicht dass jemand glaubt, ich wäre ein Papagei.

  15. - Tony wants a cracker -

  16. Gemischtes Publikum war immer Mittwochs, deswegen gab es passionierte “Mittwochskinder” wie mich. Ich bin auch wegen dieser Mischung, wie sie früher in berliner Clubs oft zu finden war (jetzt leider immer weniger), in den Tresor gegangen.

    Wochenende war ich fast nie im Tresor, eben weil mir da das Publikum im Gegensatz zu Mittwoch nicht zusagte.

    Die Türpolitik empfand ich im alten Tresor als positiv, im jetzigen Tresor ist sie m.E. zu liberal.

  17. Ja, ja…der Mittwoch.

    Aber wieso findest du jetzt die Türpolitik zu liberal?

  18. es geht nur um spaß alles andere interresiert nicht.

  19. Sorry für die späte Rückmeldung.

    Thema Tür: Ich bin ja im Allgemeinen gegen eine Türpolitik, die Leute, die den Einlassern nicht in den Kram passen, von den Parties ausschliesst. Wenn man jedoch erleben muss, dass gewisse Leute im Keller auch mal gern den Arm zum Hitlergruß heben (ist mehrfach vorgekommen, u.a. beim letzten Rush-Gig), dann ist vielleicht doch eine gewisse Auswahl an der Tür angebracht. Ansonsten machen die Leute an der Tür einen guten Job, ständig im Club unterwegs, um nach dem Rechten zu sehen, so dass man schnell einen Ansprechpartner findet. Auch werden Leute, die offensichtlich doch besser ins Bett gehören, freundlich nach draussen befördert.

  20. Also ich find Türpolitik definitiv wichtig …. Gewissen Gruppen sollte man kein Forum bieten. Ich hatte zwar noch nie Probs irgendwo rein zu kommen, allerdings gibt es schon verdammt bescheuerte Türregelen, z.B. keine Buffaloes, keine weißen Schuhe, keine Schlaghosen… find ich übertrieben.

  21. [...] Klamotten, schlechter Umgang, ständig bis unter die Schädeldecke vollgepumpt mit Drogen in den urbanen Tanzhöllen unterwegs “und immer diese Texte, das will doch keiner hören…“,der offizielle Song zum Bad [...]

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