Honeckers willige Helfer Teil 1
Antisemitismus scheint dem Konkret-Autor Kurt Pätzold eine Herzensangelegenheit zu sein, jedenfalls dann, wenn es um den in der DDR geht. Sogar so wichtig, dass er extra die Freie Deutsche Jugend (FDJ) dafür rekrutiert, ein Flugblatt mit einem Bibelzitat als Überschrift unter die Leute zu bringen.
In der Flugschrift, räumt Pätzold zwar öffentlich ein, dass es “in der Frühphase der DDR” zeitweilig eine “politisch sektiererische, verständnislose und dumme Politik gegenüber den jüdischen Gemeinden mit verheerenden, nicht wieder zu behebenden Folgen” gegeben habe, die zu “Flucht und Weggang von Juden in den Westen führte“, aber nichtsdestotrotz ist der ausgebildete Historiker der Meinung, dass die DDR ein rund um perfektes antifaschistisches Staatswesen war. Die Ausstellung “Das hat’s bei uns nicht gegeben - Antisemitismus in der DDR.” wird deshalb von ihm heftig kritisiert. Unterstützung bekommt er dabei von der Lichtenberger Linkspartei und sämtlichen linksdeutschen Presseorganen…
Es braucht schon einiges an ideologischer Verbohrtheit, um solch eine widerliche Milchmädchenrechnung unters Volk zu streuen, wie es Herr Pätzold seit einigen Wochen versucht. Zwar habe die DDR - laut seiner Aussage - am Anfang eine “dumme”, “verständnislose” und “sektiererische” Politik gegenüber den jüdischen Gemeinden an den Tag gelegt, die dafür gesorgt hat, dass nicht wenige Mitglieder der Gemeinden in den Westen flohen, aber trotzdem sei ihr deshalb noch lange nicht das Prädikat ‘antifaschistisch’ zu entziehen, und erst recht nicht Antisemitismus vorzuwerfen. Viel eher schwört der Hobbyhistoriker seine linke Gemeinde darauf ein, dass ja allein die DDR es zu einer Aufarbeitung der nationalsozialistischen Geschichte gebracht habe, und es genau deshalb auch nicht um das Schicksal einzelner “Familien oder eine Anzahl von nicht genannten Gemeinden zwischen Ostsee und Erzgebirge” gehen könne, sondern einzig um die DDR als Ganzes. Der Staat, die Partei, ja wirklich jegliche realsozialistische Geschmacksverirrung ist und war wichtiger für Pätzold als das Schicksal von einzelnen Individuen, menschenverachtender geht es eigentlich nicht mehr.
Mit seiner Ehrenrettung für die DDR reiht sich Kurt Pätzold in die Riege ehemaliger ostdeutscher Akademiker ein, für die die marxistisch-leninistische Ideologie wichtiger ist als Fakten, ergo die Wissenschaft. Seine Behauptung, dass die antisemitischen Aufwallungen der ersten Jahren durch das spätere Wirken des DDR-Film- und Fernsehprogramms ausradiert wurden, blamiert sich an der Wirklichkeit:
“1956 wurden in Calbe (Bezirk Magdeburg) antisemitische Äußerungen bekannt, die in den Aussagen gipfelten „Die Juden sind an allem schuld. Hitler hätte noch mehr vergasen sollen“. Auch in Rostock und in Cottbus gab es antisemitische Aussagen, die jeweils im Bezug zum Suezkrieg standen.
1959 wurden in einer Oberschule im Stadtbezirk VI von Karl-Marx-Stadt Hakenkreuze angebracht und mehrere Schüler spielten ein Spiel das sie „SS und Juden“ nannten.
Im Januar 1960 wurden im Kreis Sonnenberg (Bezirk Suhl) antisemitische Parolen entdeckt. Im Glaswerk Haselbach wurde ein Abzeichen mit Hammer-und-Sichel mit Hakenkreuzen und mit „Juden raus“ versehen.
Anfang 1960 wurden in der Oberschule (OS) Lodersleben (Kreis Querfurt) antisemitische Parolen entdeckt.
Im Lehrlingswohnheim des Fischkombinats Saßnitz (Bezirk Rostock) kam es im Verlauf einer Diskussion zu antisemitischen Äußerungen.
Im März 1960 wurden in Eberswalde (Bezirk Frankfurt/O.) in den Toilettenräumen des Jugendclubs Parolen wie „Juden raus“ und „Heil Hitler“ angebracht.
Im Februar 1960 wurden in Berlin (DDR) im Kantinengebäude eines Elektrokohlebetriebes antisemitische und profaschistische Hetzparolen gefunden. Gleiche Parolen wurden im Ort Treuenbritzen (Kreis Jüterbog) gefunden.
Im Kraftwerk Lübbenau (Bezirk Cottbus) wurde ein Arbeiter jüdischer Herkunft mehrere Tage als „Judenlümmel“ beschimpft. Ebenso erging es einem Arbeiter im Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) in Cottbus.
Im Dezember 1960 wurden in Magdeburg und Umgebung antisemitische Hetzparolen geäußert. Im Ort Wanzleben wurden Hakenkreuze angemalt.
1960 wurden in einem Betrieb in Eberswalde (Bezirk Frankfurt/Oder) auf einer Plattform im Kranbau und in den Toiletten des Jugendclubhauses Hakenkreuze gemalt und es wurde „Juden raus“ und „Heil Hitler“ geschrieben.
Nach dem Protokoll der Sitzung des Politbüros der SED vom 11. Juli 1961 registrierte das Ministerium des Innern (MdI) für das Jahr 1960 insgesamt 595 Vorfälle mit antisemitischer Hetze und 2.977 neofaschistische Vorfälle.” (1)
“Der Vizepräsident des Verbandes der Jüdischen Gemeinden Scheidmann protestierte im Februar 1967 dagegen, dass das Erfurter SED-Organ Israel als gehorsamen Satelliten des Weltimperialismus abqualifiziert hatte. Nach dem Sechstagekrieg im Juni selben Jahres fand sich entgegen Erwartungen der SED-Spitze keine jüdische Gemeinde bereit, die Stigmatisierung Israels als Aggressor und neuer Exekutor einer Blitzkriegsstrategie im Hitler-Stil mitzumachen. Zwar unterzeichneten zehn prominente jüdische BürgerInnen, unter ihnen Kurt Goldstein, Lea Grundig, Siegbert Kahn und F. K. Kaul, eine von Norden aufgesetzte Erklärung wider den Nahoststaat. Die Sängerin Lin Jaldati, der Verbandspräsident der Jüdischen Gemeinden Helmut Aris, der Vorsitzende der Ostberliner Gemeinde Heinz Schenk, die Schriftsteller Peter Edel, Heinz Kamnitzer und Arnold Zweig verweigerten indes ihre Unterschrift.” (2)
“Die Schändung jüdischer Friedhöfe in der DDR, antisemitische anonyme Briefe und 1976 gar ein Sprengstoffanschlag auf das Haus des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Halle wurden gleich anderen Äußerungen faschistischen Ungeists der Öffentlichkeit vorenthalten, damit das Image, der konsequent und durchweg antinazistische deutsche Staat zu sein, keinen Schaden nahm. Dieses Verhalten bedeutete auch, die Mobilisierung von Abwehrkräften gegen den Ungeist zu hintertreiben.” (3)
Die Informationen für die erste Aufzählung hat der Autor anhand von Quellenmaterialien aus dem Jugendarchiv, dem ehemaligen Archiv der Freien Deutschen Jugend (FDJ) und aus dem ehemaligen Zentralen Parteiarchiv der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) zusammen getragen. Die offiziellen Stellen in der DDR wussten also, was ein Teil der ach so antifaschistischen Bevölkerung in Wirklichkeit dachte, aber Historiker wie Pätzold, die sonst jede noch so kleine Nadel im nationalsozialistischen Heuhaufen auffinden, waren und sind nicht in der Lage, dieses historische Quellenmaterial auszuwerten. Irgendwie komisch…
Pätzold ist wie viele aus der DKP/DDR-Historikerzunft dringend daran interessiert, das andere bzw. das revolutionäre oder demokratische Deutschland gegen jegliche Angriffe von außen zu verteidigen. Ohne die antifaschistische Illusion macht die DDR für sie einfach keinen Sinn. Wenn also jetzt - an ihrem Lebensabend - der Schwindel regelmäßig aufzufliegen droht, der Sinn ihres Lebenswerkes in Frage gestellt wird, dann drohen sie, sie, die früher zur Nomenklatura gehörten, mit einem intellektuellem Aufstand im Altersheim oder wenigstens einem Flugblatt, welches der chronisch unterbelichtete Nachwuchs der FDJ verteilen muss, da die alten Säcke selbst dazu kaum noch in der Lage sind…
Anmerkungen:
(1) zitiert aus: Kritik des Antisemitismus in der DDR, Harry Waibel
(2) zitiert aus: Zwischen Wertschätzung und Diskreditierung - SED-Führung und Juden, Manfred Behrend
(3) zitiert aus: Zwischen Wertschätzung und Diskreditierung - SED-Führung und Juden, Manfred Behrend
Harry Waibel wrote:
Hallo!
Ja, so ist es mit den akademischen Verteidigern der DDR. Die Wahrheit bedeutet ihnen dabei nicht viel.
Harry Waibel
Posted on 09-Feb-08 at 11:54 am | Permalink