Ein Hitlerjunge in New York…

Das Günter Grass vor Jahren, statt dem Eisernen Ritterkreuz, den Literaturnobelpreis hinterher geworfen bekam, ist eine dieser Tragödien, die es einem vernunftbegabten Erdenbewohner so schwer macht, noch an den - wenn auch weit entfernten - Sieg der Gerechtigkeit überhaupt nur zu glauben. Dieser Tage wandelt Deutschland zweitberühmtester Hitlerjunge - der andere hat es sich im Vatikan gemütlich gemacht - auf den Straßen New Yorks umher um seinen autobigrafischen Landserroman “Beim Häuten der Zwiebel” unters amerikanische Volk zu bringen. Was dabei alles vom Munde des Dichters direkt in die Mülltonne der Geschichte entsorgt gehörte, kam zwar in der deutschen Presse zwischen den Zeilen vor, wurde aber in einem Licht dargestellt, das der große deutsche Literat sich nicht besser hätte aussuchen können. Er, der arme kleine SS-Fan, schaffte es bei seinem ersten Auftritt in New York mal wieder die eigene nationalsozialistische Verstrickung gegen diejenigen zu wenden, die ihm wenigsten Fragen danach stellen…

Für den ehemaligen israelischen Aktivisten von Peace Now, Amos Elon, muss es ein komisches Gefühl gewesen sein dem geliebtem Günter einige unangenehme Fragen zu stellen. Einerseits ist er ein Fan des deutschen Schriftstellers, andererseits hat dieser vor einigen Monaten zugegeben in seiner Jugend dem organisierten Nationalsozialismus die Treue geschworen zu haben. Heikel, mag man meinen, gerade wenn der Auftritt des Hitlerjungen in einem jüdischen Kulturinstitut stattfindet. Doch Pustekuchen, das linksliberale Magazin „New Yorker“ widmete Grass Anfang Juni mit einem 14seitigen – unkommentierten - Vorabdruck aus seinem neuen Roman viel Raum zur Verfügung gestellt, und auch das zahlreich anwesende Publikum war eher Fan denn Kritiker. Für die deutschen Medien ein gefundenes Fressen…

So konnte die WELT tags darauf in einer Zwischenüberschrift den Grassen Satz aus New York vermelden: “In der Waffen-SS waren “die Helden”". Wer hätte das gedacht. Nach jahrelanger Recherche ist es dem großen deutschen Literat gelungen endlich seine Motivation aufzuspüren, die einigermassen verständlich werden lässt, weshalb er unbedingt bei der antisemitischen Mörderbande schlechthin mit machen wollte. Iris Alanyali berichtet in der WELT über dem Grass sein New Yorker Gestotter:

Er habe an den Nationalsozialismus geglaubt. Wie alle. Man habe in einer geschlossenen Gesellschaft gelebt. Die Waffen-SS sei für ihn eine Art Elitetruppe gewesen, „dort waren die Helden“. Von den Verbrechen habe er erst nach dem Krieg erfahren.

Grass bedient also die alte Leier, dass alle Deutschen an den NS geglaubt haben, und weist so jede persönliche Schuld von sich. Weshalb sollte man auch von selbst auf die Idee kommen, dass der Nationalsozialismus eine menschenverachtende Veranstaltung ist, die es keine Sekunde wert ist weiter aufgeführt zu werden. Weshalb sollte man eigentlich…

Interessant wird die Aussage erst im Zusammenhang. In der Berliner Zeitung darf die potenzielle Antisemitin, definitive Antiamerikanerin, Eva Schweitzer, ihre Sicht der Veranstaltung verbreiten:

Elon hakt nach: Die Jungen hätten damals also über die KZs Bescheid gewusst? “Natürlich”, sagt Grass. Darüber sei geredet worden.

Aber warum, fragt Elon, habe Grass dann ein Jahr gebraucht, um die Grausamkeiten zu glauben, die die Nazis begangen haben? Elon ist nicht klar, dass Deutsche bei dem Wort “KZ” damals an einen Ort dachten, zu dem Unbotmäßige geschafft wurden, die Witze über Hitler machten; Juden hingegen denken an Vernichtungslager.

Und warum, fragt er, habe Grass nach nur wenigen Tagen in US-Kriegsgefangenschaft Rassismus bei der US-Armee erkannt? “Na, ich habe doch mit meinen eigenen Augen gesehen, wie Schwarze behandelt wurden”, sagt Grass. Elon versucht es noch einmal. “Aber Sie haben in dem Kriegsgefangenenlager doch auch Fotos von den KZs mit ihren Augen gesehen? Warum haben Sie dann trotzdem geglaubt, das sei nur Propaganda?”

Fassen wir also zusammen: Günter Grass wusste über die KZs Bescheid, aber dass die SS weit mehr als die üblichen Kriegsverbrechen begann wusste er wiederrum nicht. Sofort Bescheid wusste der gute Grass dagegen, dass die Amerikaner Rassisten seien. Dies konnte er ja mit eigenen Augen sehen. Was er nicht mit eigenen Augen sehen konnte, waren die Transporte mittels derer die benachbarten Juden ins KZ verbracht wurde. Und überhaupt, wie die arische Eva, so schön schreibt, nur für Juden waren die KZs auch wirklich Konzentrationslager in denen der Tod auf sie wartete, für Deutsche dagegen waren dies nur Lager in denen jene landete die ein paar Witze über Hitler gemachte hatten…

Schon komisch wie die Wahrnehmungen so weit auseinandergehen können. Vermutlich versucht sich die arische Eva hier an einer Ehrenrettung a là NPD: “Unsere Väter waren keine Möder”. Die europäischen Juden haben sich alle selbst gerichtet und Großvater hat nur versucht dem Iwan ein wenig auf die Sprünge zu helfen. Doch damit nicht genug: Am Ende durfte die WELT sich auch noch darüber freuen, dass der “Oberlehrer” Elon von dem New Yorker Publikum mehr oder minder K.O. geschlagen wurde, weil diese als Fans statt Kritik eine Lobhudelei erwartet hatten und die Berliner Zeitung wärmte den historischen Antiamerikanismus deutscher Prägung auf, in dem sie ‘Uns Günter’ als pazifistischen Messias auferstehen lässt:

Dann hat er noch einen Ratschlag für die heutigen USA bereit. “Vielleicht brauchte Deutschland die Niederlage, über sich selbst nachzudenken. Sieger tun das nie”, sagt er. “Nicht in diesen Land”, wirft Elon ein. Dann Grass wieder: “Aber vielleicht passiert das hier auch. Es gab ja schon Vietnam, und so ähnlich wird es auch Bush ergehen.” Er lächelt.

Ist er denn heute noch politisch aktiv, fragt Elon noch. Aber sicher, sagt Grass. “Ich habe Schröder unterstützt, als er tapfer genug war, Nein zum Irakkrieg zu sagen. Denn die Lektion, die Deutschland aus dem Zweiten Weltkrieg gelernt habe, sei, dass Krieg keine Probleme löst.”

Nur gut, dass es Gazprom-Schröder und Nazi-Grass gibt. An ihrem Wesen soll nun endlich auch die Welt genesen…

Nachtrag: Knapp eine Woche nachdem ich diesen Beitrag formulierte, wurde bekannt das die beiden deutschen Schriftsteller Martin Walser und Siegfried Lenz von der NSDAP als Mitglieder geführt wurden. Hitlerjunge Walser streitet ab jemals Parteimitglied gewesen zu sein, Siegfried Lenz ist so schwer erkrankt, dass sein Verlag dies für ihn übernehmen muss…

Comments (3) to “Ein Hitlerjunge in New York…”

  1. Der Typ kommt auf unsere Best-of-nach-der-Revolution-im-Fernsehen-ausstell-Freakshow-Liste! Ganz oben!

  2. …den Satz mit Lenz hättet ihr Euch sparen können, ihr Idioten.

  3. Wieso?

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