Immerhin etwas
Mit dem zivilisatorischen Fortschritt des Journalismus verhält es sich genauso wie mit dem der Politik. Er macht alles besser, aber dennoch nur eben schlecht. Dabei muss man gar nicht erst in die Redaktionen vorgedrungen sein, um zu dem Urteil zu kommen, denn der Mief reicht bis in die unprofesionnelle Blogosphäre. Angetreten, um dem patriarchalen Schreibbetrieb antiautoriär, der Bildung von oben rebellisch zu opponieren, im Windschatten der Postmoderne, die schon so einige Monopole und Meinungsmächte hinfortfegte und nebenher dem Einzelnen eine neue Bedeutung einschreibt, der dieser trotz dem Verfall aller Verbindlichkeiten nie und nimmer gerecht zu werden vermag.
Dann stehe die Apathie und Ohnmacht des Einzelnen eben Zeugnis für die so unüberschaubare Welt, entgegnen die Apologeten des Web 2.0 und verweisen auf die Unmöglichkeit der Existenz von letzten Wahrheiten. Was zähle, sind heute nur die ersten Stories. Sie wollen nicht wahrhaben, dass die Wahrheit sich ex negativo in ihnen selber stumm zu Wort meldet. Sie, die ebenso idealistisch für etwas besseres einzutreten behaupten, verkommen in der Welt der Formen nicht minder als ihre von ihnen gemordeten Väter längst verkommen sind. Ja, sie verkommen geradewegs an ihrem Idealismus, der nur die Ware veredelt, um den misstrauischen Markt zu erobern. Und dieser Markt ist weich wie Gummi, wenn Profit in Aussicht steht, und hart wie Stahl, bleibt der Profit doch aus und nur die Aussicht bestehen.
Web 2.0 war von Beginn an aussichtsreich, auch für den gesellschaftskritischen Dialektiker. Und dies obgleich er die Gefahr nicht auch verkennt, die Millionen von egozentrischen und expressionistischen Bloggern für die Wahrheit bedeuten, dass man einfach nicht ewig die Misstände und Abgründe dieser Welt erst googlen und dann bloggen kann. Wer? Was? Wann? Wie? Nur das Warum, das scheint die Voyeure und Sadisten nicht zu interessieren. Warum interessiert sie das nicht? Sie kennen sich selber nicht mehr, sind sich in ihren unsinnigen Taten und zweifelhaften Genüssen fremd und ahnen vielleicht doch, dass die Antwort auch in ihnen mit aller Kraft gehindert wird, in Worte auszubrechen - wenigstens in Fragen nach dem Warum.
Genauso geht es dem Journalisten, der in sein IBook Phrasen drischt, deren Diebstahl bei anderen Dieben er wie selbstverständlich dem Gebrauch seines eigenen Verstandes vorzieht. Die Mehrheit der Journalisten, und das unterscheidet die klassischen sowenig von den neovirtuellen, fällt darin hinter Kant`s kategorischen Imperativ zurück. 250 Jahre ohne Fortschritt, dafür aber mit merkbaren Rückschritten. Immerhin etwas, denkt sich der Redakteur mit Restverstand, eine Story.
Doch worin liegt nach dieser trunkenen Ernüchterung denn die Hoffnung des Dialektikers, worin dessen Antithesis? Er findet sie bei Kraus. Ausgerechnet bei ihm, dem wohl zynischsten Zerschmetterer seiner eigenen Zunft, der in einem offenen Brief an das Publikum, der „Apokalypse“, Worte findet, die heute mehr sagen als das Datum und mehr als den Ort. 1908 in Österreich ist immer und überall:
Die Tragik einer gefallenen Menschheit, die für das Leben in der Zivilisation viel schlechter taugt als eine Jungfrau fürs Bordell, und die sich mit der Moral über die Syphillis trösten möchte, ist verschärft durch den unaufhörlichen Verzicht auf alle seelische Erneuerung. Ihr Leib ist ethisch geschmiert und ihr Gehirn ist eine camera obscura, die mit Druckerschwärze ausgepicht ist. Sie möchte vor der Presse, die ihr das Mark vergiftet hat, in die Wälder fliehen, und findet keine Wälder mehr. Wo einst ragende Bäume den Dank der Erde zum Himmel hoben, türmen sich Sonntagsauflagen. Hat man nicht ausgerechnet, daß eine große Zeitung für eine einzige Ausgabe eine Papiermasse braucht, zu deren Herstellung zehntausend Bäume von zwanzig Meter Höhe gefällt werden mußten? Es ist schneller nachgedruckt, als nachgeforstet.
Doch Kraus` Kritik ist nicht der Hoffnung Nahrung. In ihr steckt trotzdem die kurzweilige Sättigung einer profunden Erkenntnis. Erstens scheinen sich hundert Jahre später noch genug Zeitungen für unverschämt und überflüssig genug zu halten, um zumindest den Sonntag zu schweigen. Zweitens wird für den neuen Typus des autonomen Journalisten und dessen Possenspiel kein Blatt Papier verschwendet, kein Baum gefällt. Es ist also doch ein Fortschritt einzutragen in die Annalen „einer gefallenen Menschheit“. Wenn sie auch samt und sonders ihrer Journalisten in Schmutz und Dreck daniederliegt, bleibt doch wenigstens ein Baum stehen, dankbar ob des technischen Fortschritts, aber uns mit Spott betrachtend, weil wir die Progression nicht vernünftiger zu nützen wissen, nein, nicht einmal nützen können. In den apokalyptischen Worten von Karl Kraus:
Wir waren kompliziert genug, die Maschine zu bauen, und wir sind zu primitiv, uns von ihr bedienen zu lassen.
Edward E. Nigma wrote:
“Angetreten, um dem patriarchalen Schreibbetrieb antiautoriär, der Bildung von oben rebellisch zu opponieren, im Windschatten der Postmoderne, die schon so einige Monopole und Meinungsmächte hinfortfegte…”
Zu deiner Aussage hier fallen mir erst einmal spontan drei Fragen ein: Welche Monopole und Meinungsmächte wurden im Windschatten der Postmoderne hinweggefegt? Was sind überhaupt Meinungsmächte? Und wie stehts mit dem Patriachat in der kapitalistischen Moderne, gibt es das eigentlich noch?
Posted on 23-Aug-07 at 9:19 pm | Permalink
Tony Montana wrote:
Mit der Formulierung wollte ich darauf anspielen, dass die alten klassischen Medieninstitutionen, die ich Meinungsmächte nenne, an Autorität einbüßen mussten, nachdem die großen Ideologien fragmentiert und ins Beliebige aufgelöst wurden. Ökonomisch rückte freilich alles noch näher zusammen, aber inhaltlich scheint doch das meiste sehr diffus.
Wenn ich von einem patriarchalen Schreibbetrieb spreche, heißt das noch lange nicht, dass ich den Schreibbetrieb auch für patriarchal halte. Ich habe das den Jüngern des Web 2.0 ganz dreist mal unterstellt. Die letzte Frage hast du aber ohnehin suggestiv gemeint.
Posted on 24-Aug-07 at 7:33 pm | Permalink
Edward E. Nigma wrote:
Tony, ich denke mein Problem mit dem Begriff Medienmacht liegt darin begründet, dass ich darin ein verschwörungstheretisches Potenzial vermute. Doch was mich noch mehr verwundert ist deine Annahme, dass “die alten klassischen Medieninstitutionen” ihre Autorität eingebüßt hätten, nur weil die Leitmedien der Deutschen inhaltlich etwas diffuser geworden sind. Vielleicht kannst du dies mal etwas genauer ausführen…
“Wenn ich von einem patriarchalen Schreibbetrieb spreche, heißt das noch lange nicht, dass ich den Schreibbetrieb auch für patriarchal halte.”
Und warum benutzt du dann den Begriff? Das verstehe ich nicht…
Posted on 26-Aug-07 at 5:09 pm | Permalink
Tony Montana wrote:
Das verschwörungstheoretische Potential sehe ich nicht darin, nur eine der Polemik verschuldeten Undifferenziertheit. Du darfst mir durchaus wohlwollend unterstellen, dass ich hinter den Medien nicht das internationale Judentum vermute. Du widersprichst dir dazu im selben Atemzug, wenn du die Autoritätseinbüßung der Medien in Frage stellst. Einigen wir uns doch darauf, dass die Medien immer die Macht hatten, kritische Gedanken zu unterdrücken und letztere sich nun mehr und mehr in der neuen Blogosspähre wiederfinden. Wenn auch nur sehr selten. Und letztlich im selben “Haifischbecken”.
Zum zweiten Punkt glaube ich auch, dass wir uns missverstehen. Ich unterstelle nämlich der Blogossphäre in Teilen sich auch als Rebellion gegen den in ihren Augen patriarchalen Schreibbetrieb zu begreifen.
Ich hoffe, das ist nun klar.
Posted on 26-Aug-07 at 7:36 pm | Permalink
Edward E. Nigma wrote:
Tony, jetzt wird es wirklich eklig: Autorität funktioniert nicht als Einbahnstraße, es braucht immer einen autoritären Charakter der gewillt ist eine solche überhaupt erst anzuerkennen. Insofern sind nicht die ‘mächtigen Medien’ das Problem, sondern diejenigen die sie als Autorität anerkennen. Und daran hat die Postmoderne ganz bestimmt nichts geändert. Darauf zielten meine Fragen ab.
Bei solchen Begriffen wie ‘Medienmacht’ bzw. ‘Medienmächte’ handelt es sich nun mal um verschwörungstheoretische Floskeln, da derjenige der sie benutzt davon ausgeht, dass die Medien bzw. die Presse die Menschen dazu zwingt - wie auch immer - in ihrem bescheidenen Geisteszustand zu verharren. Dabei ist es genau andersherum, die Menschen wollen nicht mit der Komplexität der Welt behelligt werden, weshalb sie irgendwelche ‘Boulevardzeitungen’ zu ihrer ‘politischen Unterhaltung’ kaufen. Die Nachfrage bestimmt das Angebot, so läuft nun einmal der kapitalistische Hase.
“Einigen wir uns doch darauf, dass die Medien immer die Macht hatten, kritische Gedanken zu unterdrücken und letztere sich nun mehr und mehr in der neuen Blogosspähre wiederfinden.”
Mal ganz ehrlich, hat dich schon mal eine ‘Medienmacht’ davon abgehalten einen kritischen Gedanken zu entwickeln oder weiterzuverbreiten? Ich glaube wohl kaum. Übrigens die Blogossphäre, egal ob neu oder alt, ist dabei nur der Wurmfortsatz des bisherigen Elends. Hauptsächlich dient sie nur der Unterhaltung, sie ist zwar etwas indivudualistischer, aber keineswegs besser, oder schlecher als das Angebot welches es vor dem Web 2.0 gab. Die wenigen kritischen Geister, die in der Sphäre der Blogs umhergeistern, sollte sich nicht der Wahnvorstellung hingeben, sie hätten den Ausweg aus einer auswegslosen Situation gefunden. Das wäre äußerst törricht…
Und Antisemitismus, Tony, fängt nicht erst bei der Konstruktion einer jüdischen Verschwörung an, sondern bei der noch weitaus perfideren Ticketmentalität. You know:
“Nicht erst das antisemitische Ticket ist antisemitisch, sondern die Ticketmentalität überhaupt.” TWA, Dialektik der Aufklärung
Posted on 26-Aug-07 at 8:08 pm | Permalink
Tony Montana wrote:
Sieh mal in dein Postfach, Edward, aber bedenke bitte, dass ich nur einen Teil deines Kommentars in meinem Postfach fand. Ich konnte also nicht auf alles antworten. Zum Rest vielleicht später mehr.
Posted on 27-Aug-07 at 6:15 pm | Permalink
Tony Montana wrote:
Das, was du schreibst, ist alles völlig richtig, aber eben auch völlig klar. Mir will nicht einleuchten, warum dir der Begriff “Meinungsmacht” in diesem Zusammenhang so bedeutsam erscheint, wenn du dich anderen Ortes über “Sprachfaschismus” erregst. Große Medieninstitutionen haben Macht, keine konspirative, aber nun mal mehr als der Bäcker um die Ecke. Der Bäcker aber, der sich von den Medien seine Meinung vorschreiben lässt, ist genauso schuld wie der Redakteur, der ihm den Unsinn vorgesetzt hat. Keine Frage. Die Medien waren und sind nun mal eine Zwangsanstalt, eine aber - und da gebe ich dir doch hundertprozentig recht - die den Menschen nicht zwingt in seinem dummen Zustand zu verharren, weil sie selber zur Dummheit gezwungen wurden und zwar von den Gesetzen der politischen Ökonomie und nichts anderem. Geh doch mal auf meine Argumente ein und flüchte dich nicht ins Abstrakte. Und hör bitte auf, mir einfach so Dinge zu unterstellen oder Zusammenhänge aufzutun, die jeder Logik trotzen.
P.s.: Leider ist es wahrscheinlich so, dass Medien auch heute noch eine Autorität haben müssen, gerade weil die Menschen so dumm sind. Die Erziehung zur Mündigkeit muss von einem mündigen Subjekt erledigt werden. Wollen wir hoffen, dass sich solche noch in den Medien befinden und diese trotzdem über eine gewisse, wenig korrumpierte Autorität verfügen. Anders, glaube ich, wird das nämlich ganz sicher nichts mit dem Kommunismus.
Posted on 29-Aug-07 at 4:06 pm | Permalink
Edward E. Nigma wrote:
“Mir will nicht einleuchten, warum dir der Begriff “Meinungsmacht” in diesem Zusammenhang so bedeutsam erscheint, wenn du dich anderen Ortes über “Sprachfaschismus” erregst.”
Wer Äpfel mit Birnen vergleicht, der hat wirklich ein Problem. Tony, ich werfe dir vor eine äußerst beliebte verschwörungstheoretische Floskel zu benutzen, und du kommst mir blöd, weil ich den Ausdruck Sprachfaschismus benutzt habe. Wo ist da der Zusammenhang?
“Geh doch mal auf meine Argumente ein und flüchte dich nicht ins Abstrakte. Und hör bitte auf, mir einfach so Dinge zu unterstellen oder Zusammenhänge aufzutun, die jeder Logik trotzen.”
Welche Argumente, Tony? Jenes vielleicht: “Du darfst mir durchaus wohlwollend unterstellen, dass ich hinter den Medien nicht das internationale Judentum vermute.”
Wohlwollend habe ich dir ein paar Fragen gestellt woraufhin du nur noch mehr Mist von dir gegeben hast. Ich kann es nur wiederholen: Es ist ziemlich lächerlich, was du dir hier zu deiner Verteidgung zurechtlegst. Einen einzelnen Bäcker mit den “großen Medieninstitutionen” zu vergleichen ist natürlich auch ne Logik für sich.
“Die Medien waren und sind nun mal eine Zwangsanstalt, eine aber - und da gebe ich dir doch hundertprozentig recht - die den Menschen nicht zwingt in seinem dummen Zustand zu verharren, weil sie selber zur Dummheit gezwungen wurden und zwar von den Gesetzen der politischen Ökonomie und nichts anderem.”
Achso, und wieso bist du dann eigentlich nicht auch dumm? Die von dir diagnostizierte Zwangslage betrifft doch auch dich! Oder etwa nicht?
Wenn dir wirklich klar wäre, was ich bisher in diesem Thread geschrieben haben, dann hättest du in deinem Posting nicht noch einmal die selbe Leier von dir gegeben: “Leider ist es wahrscheinlich so, dass Medien auch heute noch eine Autorität haben müssen, gerade weil die Menschen so dumm sind.” Der Einschub des Wörtchens “wahrscheinlich” macht die Aussage auch nicht besser…
“Der Bäcker aber, der sich von den Medien seine Meinung vorschreiben lässt, ist genauso schuld wie der Redakteur, der ihm den Unsinn vorgesetzt hat.”
Deine Suche nach einem Schuldigen, bzw. diejenigen die Schuld haben, sollteste dir noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Was hinter solch einer Denkschule steht, dass muss ich dir wohl nicht noch lang und breit erklären. Achja, und was dein ganzes Geschwurbel über den Autoritätsverlust der ‘mächtigen Medien’ mit der Postmoderne zu tun hat, haste mir auch noch nicht erklären können…
PS: Ansonsten bin ich mal gespannt, wann du den ersten Stein bzw. den ersten Molli ins Springerhochaus wirfst, nur um die dringend notwendige - wegen Auschwitz und nicht wegen deines heiligen Grals Kommunismus - Erziehung zur Mündigkeit einzufordern…
Posted on 29-Aug-07 at 7:25 pm | Permalink
Tony Montana wrote:
Ganz kurz zum Verständnis. Ich fühlte mich von dir gar nicht angegriffen, sondern war schlichtweg der Meinung, dass du mir Dinge unterstellst, die völlig an den Haaren herbeigezogen sind. Wir haben nicht wenige Leser, noch 4 weitere Villains und niemand regt sich über die Formulierung “Medienmacht” auf. Denk mal drüber nach…
Zum Rest deiner, ähm, Argumente werde ich mich Montag eventuell äußern. Hoffentlich übertreffe ich dann dein sagenhaft-schizoides PostScriptum. Soll nachher keiner sagen, dass du der einzige Verrückte hier bist.
Posted on 01-Sep-07 at 5:32 pm | Permalink
Edward E. Nigma wrote:
Tony, jetzt klingst du schon wie ein renitenter Oberprimaner der seinen Lehrer für verrückt erklärt, nur weil dieser ihn auf einen Fehler aufmerksam gemacht hat, den seine Mitschüler ihm hätten einfach so durchgehen lassen…
Naja, irgendwie war dies ja zu erwarten.
Posted on 02-Sep-07 at 3:05 pm | Permalink