Alles eine Frage der Interpretation

Schreber's SemblanceWas will uns der Künstler mit diesem Bild auf der documenta 12 wohl sagen? Möchte er darauf hinweisen, dass Gewalt und Sex in dieser Welt untrennbar miteinander verknüpft sind, dass das brutale Unterjochen des Schwächeren aus nur schlecht sublimierten Sexualtrieben folgt? Spielt er auf den Warencharakter der Kunst an, die weiß, dass sex sells und darauf, dass Kunstwerke ohnehin nur noch zur Distinktion oder aus Profit erworben werden? Oder hatte er arge Konflikte in seiner Kindheit hatte, deren pathologische Folgen sich nun in seiner obszönen Darstellungsweise spiegeln? Einerlei! Wenn so offensichtlich die Stars and Stripes mit Hakenkreuzen versehen und in einen unzweideutigen Zusammenhang gestellt wird, wie dies sonst nur Neonazis, Islamisten und Linksradikale zustande bringen, wird vielmehr ein Einblick möglich in den Geisteszustand des Künstlers sowie der Veranstalter und letztendlich auch des Publikums auf der diesjährigen, der insgesamt zwölften Documenta in Kassel, der weltweit größten Ausstellung für zeitgenössische Kunst.

Jeder, der im Kunst- und Deutschunterricht richtig aufgepasst hat, wird sich die eingangs aufgeworfene Frage gestellt haben, als er im Museum Fridericianum vor Juan Davilas Gemälde „Schreber`s Semblance” stand. So deutsch es stets war, Kunst und Literatur der von einer Autorität vermittelten Interpretation zu unterwerfen, um die ästhetische Erfahrung zu kollektivieren, so deutsch ist heute der- über die Grenzen Deutschlands hinaus - alles umfassende, vorgeblich wertfreie Kunstkonsum im Zeichen der relativistischen Postmoderne. Die documenta 12 definiert sich selbst als einen Raum jenseits von akademischer Didaktik auf der einen und von konventioneller Warenform auf der anderen Seite. Nach Kritik an der Politisierung der Documenta durch die letzten Kuratoren, wollte der diesjährige Kopf der Kunstausstellung, Roger M. Buergel, wieder hin zum Ästhetizismus. Wohl zur Tarnung gab man der documenta 12 dennoch drei Leitmotive. So antworteten Künstler aus aller Welt auf die schon mit Staub und Spinnenweben besetzten Fragen, ob die Antike unsere Moderne und was das bloße Leben sei - und noch abgeschmackter: Was tun? So auch Juan Davila, der obwohl doch Politik eigentlich keine große Rolle spielen sollte, von den Veranstaltern heftig umschmeichelt wurde und sogar auf dem Podium der Eröffnungs-Pressekonferenz saß .

Über Davila kann man im WorldWideWeb folgendes in Erfahrung bringen: Er wurde 1946 in Santiago de Chile geboren, musste seine Heimat aber verlassen und lebte darum seit 1974 in Melbourne, Australien. Zeit seines Künstlerlebens beschäftigte er sich mit kultureller, sexueller und politischer Identität in der Kunstgeschichte. Seine Leit- und Leidthemen sind in erster Linie Entwurzelung und Ambivalenz. Alles schön und gut. „Schrebers Semblance” aber ist nicht biographisch zu entschuldigen. Man kann es nicht ins Harmlose interpretieren und nicht zur Unschuld diskutieren. Es ist nicht einfach nur Kunst, die sich ihrer gebotenen Freiheit bemächtigt und im Rahmen der Toleranz provoziert. Dass das Bild sich auf den zweiten Golfkrieg bezieht, obwohl selbst einige Pazifisten sich nur an den aktuellen Irakkrieg erinnern können, dass man darauf die für australische Mütter noch verständliche Forderung “Bring our boys home” lesen kann, ist angesichts des Offensichtlichen nur ein Ablenkungsmanöver. Ganz gleich was Davila mit seinem Gemälde sagen will, egal was ihm die Aussteller und Besucher an Motiven und Ideen übertragen, das Hakenkreuz hat in der Stars and Stripes nichts zu suchen, weder in der Politik, noch in der Kunst.

Dass mir meine Begleiter ein verständnisvolles Eintauchen in den Künstlerhintergrund suggerierten, obwohl sie keine durchaus keine Freunde solcher Vergleiche sind, steht paradigmatisch für die Macht des Barbarischen und die Ohnmacht der Zivilisation. Ähnlich den Veranstaltern selber verklärten sie die Documenta zu einem „Erfahrungsraum” (alle Zitate aus dem Flugblatt der Documenta), wo sich „ein Kraftfeld” spannt, das „nicht nur Kunst zur Erscheinung bringt”, sondern „seinem Publikum einzutauchen” erlaubt. Wo aber Kunst ihre Autorität verliert, ist sie kaum noch zu kritisieren. Die Maxime lautet nicht mehr genau hinzuschauen, sondern darüber hinwegzusehen. Mit Martin Kippenberger muss man ironisieren: Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz erkennen. Lieber schwadronieren ausgewiesene Kunstconnaisseure im Begleitmaterial der Ausstellung über den psychoanalytischen Aspekt des Werkes, über Dr. Schreber, der bei Freud für den Typus des wahnhaften Paranoikers stand, ein Typus, der seinerzeit ob der Militarisierung und des Nationalismus nicht selten war.

Nun konnte von der vorgeblichen Wertfreiheit und Neutralität, die der documenta zu wahren aufgetragen war, natürlich keine Rede sein. Die politischen Sujets waren der sogenannte Nahostkonflikt, der Irakkrieg und die Armut Afrikas. Was auch sonst. Schon die Themenauswahl also versprach die selbe Neutralität, hinter der sich sonst die schlimmsten Ressentiments gegen Amerika, Israel oder gerne auch mal den gesamten Westen verstecken. Gerade die Präsentation des europäischen Lieblingskonfliktes zwischen Israel und den Palästinensern entbehrte nicht den gewöhnlichen Stereotypen. Erstens sei es ein Konflikt zwischen zwei gleichberechtigten Parteien, zweitens werden fast nur die Palästinenser abgebildet und drittens scheinen die mächtig zu leiden. Sie tun dies jedenfalls auf allen Bildern, auf denen sie nicht wütend inszeniert wurden.

Ganz anders die Darstellung Israels: An großen Wandtüchern finden sich einige Israelfahnen auf einem bluttriefenden Wandtüchern, unter denen nebenbei aber auch eine palästinensische sich naiv und friedliebend an die israelische anschmiegte, um Hoffnung auf den Dialog zu machen. Neben der Wand steht die von einem Tierarzt dilletantisch ausgestopften und präparierten Überreste von Brownie, die Giraffe des einzigen Zoos im Westjordanland, die bei einer Intervention der IDF während der zweiten Intifada gegen eine Eisenstange lief und starb. Peter Friedl brachte sie, nachdem er davon erfuhr, nach Europa, erklärte es einfach zu einem Kunstwerk und nannte es “The Zoo Story”. Einmal mehr eine Mahnung an den Fríeden und zugleich Warnung an Israel. Von Solidarität für den Schutzstaat der Juden war nichts auszumachen.

Da das Denken der Menschen vor allen Dingen in Europa mehrheitlich von antizionistischen Ressentiments zersetzt ist, der Antisemit sich also auch als Märtyrer in der Überzahl weiß und nur noch die Juden ins Meer getrieben werden müssen, ist das veritable Leid der Palästinenser schon ein Argument gegen Israel. Selbst ausgewiesene Materialisten sehen Israel als Ursache und verkennen, wessen es einst die Wirkung war. Die zahlreichen Darstellungen der Palästinenser als Opfer und Leidtragende waren zudem oft noch stilisiert. Ein zweites Beispiel: Auf einem Photo liegen einige chaotisch angeordnete Grabsteine nebeneinander, wobei auf einem mit bunten Farben die Fahne der Palästinenser gemalt ist. Wir wissen nun, dass hier Tote ruhen, aber zuvörderst wissen wir, dass es Palästinenser sind. Im Bewusstsein des Antisemiten muss das zu den Assoziationen führen, die von den Medien Old Europes im Auftrag einer so genannten Objektivität noch bebildert werden. Egal, wie man es dreht und wendet, ob dort ein Selbstmordattentäter oder ein unschuldiges Kind begraben liegt, nur Israel kann letztlich dafür verantwortlich sein.

Ein weiteres Beispiel: Eine andere Photographie, im Kontext einer ganzen Nahost-Reihe, zeigt ausnahmsweise einmal Israelis - aber in Uniform und mit Maschinengewehren. Die Süddeutsche Zeitung hätte es bestimmt wie folgt beschrieben: Zu sehen sind zwei Soldatender IDF, ein Mann und für das Land typisch auch eine Frau, die vor einer Mauer inmitten von Müll und Schutt sitzen. Die Soldatin fixiert die Kamera, ihr Blick wirkt aufgeregt, aber auch irgendwie teilnahmslos, als hätte ihr inneres Chaos sich äußerlich schon mit dem Stumpfsinn des soldatischen Alltags und dem Unrecht an den Palästinensern arrangiert. Im Verfall aber liegt die Hoffnung. Genug! Es ist wohl anzunehmen, dass nicht nur die Süddeutsche das in der Photographie liegende, tragische Moment der Selbstverteidigung ignoriert hätte, das den Israelis von einer gegen sie unmenschlichen Menschheitsgeschichte eingeschrieben wurde.

Es wäre zu optimistisch die Verantwortung für die Ästhetisierung antisemitischer und antiamerikanischer Ressentiments auf der Documenta allein ihrem künstlerischen Leiter Roger M. Buergel und seiner Frau und Kuratorin der Ausstellung, Ruth Noack, zuzuschreiben. Buergel wurde in Berlin geboren, wuchs in Bremen auf und studierte in Wien Kunstgeschichte, Philosophie und Wirtschaftswissenschaften. Er gilt als internationaler Ausstellungsmacher. Ein Kosmopolit? Wohl kaum. I m Interview mit dem Kulturmagazin U_mag gibt er sich nicht nur als Bildungsbürger und Romantiker aus, sondern stellt sich auch selbst als ein ganz normaler Antiamerikaner bloß:

U_mag : Herr Buergel, wenn man in der Kasseler Innenstadt nicht depressiv wird, wo denn überhaupt?

Roger M. Buergel : In Beverly Hills.

U_mag : Warum?

Buergel: Weil es unehrlich ist. In Kassel sind die Fronten klar, das ist Material, mit dem man arbeiten kann. Da stecken auch keine kriminellen Energien dahinter, die einem irgendwas vorspielen, keine Fassaden, durch die man erst mal durchmuss. Hier liegt das alles in der Auslage. Hier wird man nur depressiv, wenn man schwach ist und sich der Realität nicht stellen kann.

Sind die Kuratoren und Konsumenten, Künstler und Kritiker tatsächlich beinharte Antisemiten und überzeugte Antiamerikaner? Ist einigen von ihnen die Angelegenheit in ihrem betriebsamen Interesse an Kunst und Zerstreuung so herzlich gleichgültig, dass dies von ihnen kritiklos einfach hingenommen wird? Geht es anderen letzten Endes nicht vielmehr darum, sich auf der Documenta sehen zu lassen, um gesehen zu werden, um in wichtigtuerischen Gesprächen nicht hintanstehen zu müssen? Nun, hier möchte ich meiner Deutschlehrerin zustimmen. Das alles ist eine Frage der Interpretation.

Nachtrag: In der August- Ausgabe der Konkret zieht Martin Büsser ein ähnliches Résumée über die “Kasseler Regression”. Außerdem schrieb er zum Thema in der Intro und in der Jungen Welt. Im Interview mit Radio Corax nimmt er ebenfalls Stellung zur Documenta, dort wiederholt er nebenbei die zentralen Thesen des o.g. Artikels in der Konkret.

Comments (1) to “Alles eine Frage der Interpretation”

  1. Ein unheimlicher Künstler, ein heimlich brutaler, ein hochaggressiver Mensch, der wahrscheinlich jeden glauben macht ‘ich bin doch so lieb!’.

    Nichts gegen Irritation unserer alltäglichen Sehgewohnheiten, nicht mal gegen eine Prise Obszönes in der Kunst.

    Der Mensch, abgesehen von seinem seelischen Kurzschluss (mit dem er ja hübsch Kohle macht) … ist ein Ekel.

    Brrr!

    Danke an das WeBLOG trotzdem - oder gerade.

    Jacques Auvergne

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