Die Edlen und die Verbrecher
In Kooperation von Bad Blog und Nichtidentisches soll in den nächsten Tagen und Wochen der nicht mehr ganz neue Reader „AS-ISM_2“ des Antisexismus-Bündnisses-Berlin dem Spaltpilz der Kritik ausgesetzt werden. Dazu gibt es individuelle Beiträge zu verschiedenen Elementen des Readers. Jeder Beitrag steht für sich, eine blogübergreifende redaktionelle Bearbeitung fand nicht statt. Wir hofften dadurch, der Emanzipation eine Bresche zu schlagen, die Eindimensionalität ihrer Gegner und falschen Verfechter bloßzustellen, und letztlich uns selbst gegen Zumutungen zur Wehr zu setzen, die uns im Namen der Dekonstruktion aufgenötigt werden.
Contributions so far:
1. Intransingente Galanterie von Nichtidentisches
2. The Others von Bad Blog
3. Jargonzo - das neue Genre der politischen Literatur von Nichtidentisches.
4. Die Butler-Bibel von Nichtidentisches
Den Seufzer der bedrängten Kreatur - wie im Antisexismusreader No. 2 - von sich zu geben, scheint der deutschen Linken einen Lustgewinn zu verschaffen, der die Peinlichkeit ihrer Selbststilisierung zum Opfer des Weltlaufs noch übertrifft. Doch ihre Abstraktion ist so unrealistisch nicht. Tatsächlich ist die Linke verloren. Nur hat sie sich das selber zu verantworten, sie, die nicht behaupten kann, der Geschichte nicht oft in vorderster Front begegnet zu sein. Wäre sie nur vernünftig gewesen, hätte sie sich nicht stets dem Staat, so oft einem Tyrannen, mal dem staatstragenden und mal dem staatsfeindlichen Antisemitismus und nicht zuletzt den derzeit mörderischsten Feinden der Moderne in afghanischen Erdlöchern und Hamburger Studentenwohnungen anheischig gemacht, könnte man ihre Empörung nachvollziehen. So bleibt nichts als Ekel vor der weinerlichen und wehleidigen Hypochondrie eines Zwangskollektivs, das sich wider jede historische Erfahrung noch immer mit Stolz den Stempel der Linken aufdrückt.
Die leidenschaftliche Einopferung in dieses Kollektivs, das selbst nur mit Müh und Not den internen Intrigen trotzt und besonders energisch jeden aufkeimenden kritischen Gedanken erstickt, ist selbstverständlich auch die Grundlage im linken Amt für Antisexismus. Dort arbeiten akribisch neben einigen Bessermännern meist weibliche Beamtinnen, die sich wohl schon ob des “weiblich” in Furien verwandeln. Ihr Auftrag besteht darin, empirisches Material zu sammeln, um die Thesen zu stützen, dass 1. der Mann das Geschlecht des Kapitals, 2. die Frau nur ein Lust- und Reproduktionsobjekt und 3. die Gesellschaft irgendwie patriarchal sei. Die Aggression ist größtenteils hierein gerichtet und tobt sich nebenher gedankenlos in einer diffusen Theorie um Marx, Foucault und Butler aus, bis, ja bis man sich zur Denunziation durchringt und den bewaffneten Arm zur Tat schreiten lässt.
So unkritisch die Linke auch sonst sich selber gegenüber ist, so verbissen bekämpft sie - wenn ihre Obsession die Vernichtung verlangt - Frauenfeinde, Lustmolche und Sexisten in ihren Reihen. Wo sonst die Gesellschaft noch für die barbarischste Raserei oder Nasenbluten verantwortlich gemacht wird, muss nun der Einzelne für die Konsequenzen seines Handelns ganz alleine geradestehen. Nichts ist dann mehr strukturell und von Totalität will niemand was gehört haben. Nicht einmal sich selbst und seinem Gewissen und dem unbedingt progressiven Rechtsstaat hat der Einzelne sich bei veritablen Verbrechen zu stellen, sondern nach der Doktrin der linksdeutschen Tugendwächter einzig und allein den verlogenen Gesetzen ihres als Freiraum gedachten Kollektivs, dem herrschaftslosen Ort, den sie beherrschen.
Nur die unbewusste Macht der Abspaltung aber ist in diesem Dauerzustand des gegenseitigen Misstrauens noch sicher. Aus Angst davor selber eines linken Deliktes beschuldigt zu werden, verdächtigt man die Anderen. Anstatt sich durch Erfahrungen einen Begriff von Sexualität zu machen, wird Sexismus zum Vorwurf der Erfahrungslosen. Sexismus wird zur Schablone. Der Begriff ist darum, auch wenn er seinem Objekt gerecht wird, aus ihrem Munde nicht mehr ernst zu nehmen. Wenn schon ein Blick in den Ausschnitt einer Frau, ja schon der bestimmt einer perversen Männerphantasie entsprungene Ausschnitt an sich sexistisch ist, dann ist der Begriff um seine Wahrheit betrogen. Und wenn der Ehrenmord” muslimischer Männer an ihrer Schwester mit dem gewöhnlichen Mord an einer deutschen Ehefrau in eins gesetzt wird, dann ist der Begriff nicht einmal mehr zu retten.
An den letzten Punkt schließt sich die universalistische Kritik an, deren Absenz im Denken der Postfeministen verdächtig scheint und Kritik notwendig macht. Um den Vorwurf - die Muslima in ihrem Feminismus keinen Platz zu geben - abzuschmettern, bedienen sich Postfeministinnen eines rhetorischen Tricks, den sie wohl aus der Politik abgelauscht haben. Der Kritiker wird beschuldigt, sich nicht mit den patriarchalen, westlichen Gesellschaften, insbesondere dem Sexismus in der Bundesrepublik, auseinanderzusetzen und ihm damit das Recht abgestritten, die islamische Frauenunterdrückung zu kritisieren. Dazu unterstellen sie der Kritik an islamischer Frauenfeindschaft per se Rassismus. Oberflächlich erscheint die Auseinandersetzung zwischen Postfeministen und Universalisten daher wie ein infantiles und geistloses Spiel, dass, weil keiner ein gutes Argument hat, bis zum Überdruss strapaziert wird.
Doch die Universalisten sind im Recht, weil sie im Gegensatz zu den Postfeministinnen gar nicht erst vorgeben, sich mit dem ganz normalen Sexismus” zu beschäftigen - sowie die letzteren stets bekunden, ein wachsames Auge auch auf den Mullah zu richten. Außerdem haben sie tatsächlich das Ganze im Blick, ohne sich aktionistisch der Agitation im Sinne eines think global - act local” zu verschwenden. Was die Aufklärung, das Flaggschiff der Universalisten, den Frauen an relativer Freiheit überall dort verschaffen hat, wo sie nicht mit Bausch und Bogen bekämpft wurde, ist schier unermesslich. Sich dessen bewusst, muss ihnen die Emanzipation aller noch heute verschleierten und zwangsverheirateten, verstümmelten und missbrauchten Frauen das Erste sein. Nicht zufällig sind die Tyrannen dieser Frauen die vitalsten Feinde Israels und der Moderne insgesamt, ihr Antisemitismus der mit den mörderischsten Absichten. Doch dafür interessiert sich die bauchpolitische Kritik der Postfeministinnen nicht. Mit einem flüchtigen Bekenntnis zum Existenzrechts Israels dünken sich die vernünftigsten unter ihnen aus der Affäre gezogen.
Wie unterschiedlich dies auch motiviert sein mag, ihnen fehlt schlichtweg die Fähigkeit jenseits von Polemik zu differenzieren. Lieber ein feministischer Antisemit als ein sexistischer Israelfreund. Es will ihnen partout nicht einleuchten, dass eine weitere kurzhaarige Studentin an der Humboldt-Universität für die Emanzipation der Menschheit keine Rolle spielt, dass auf Grundlage dieser Gesellschaftsordnung nicht nur die immanenten Missstände angegriffen werden können, sondern deren Errungenschaften zuvörderst gegen die regressiven Feinde dieser Ordnung verteidigt werden müssen. Lieber begeht man politischen Harakiri und landet mit den suizidalen Freunden der Barbarei in einem Boot, das ganz bestimmt nicht an einen romantischen Ort der Geschlechtergleichheit fährt.
Die antikapitalistische Unvernunft kennt kein Geschlecht. Zwischen der politisch korrekten Emanze aus der Fakultät der Gender Studies und dem hyperpatriarchalen Fundamentalmuslim in einem Neuköllner Teehaus liegt sogar räumlich gesehen nicht viel. Da aber die radikalen Feministinnen trotz reformistischer Ansätze wohl wissen, dass die politische Ökonomie die absolute Geschlechtergleichheit verunmöglicht, ist ihnen das große Ganze schließlich doch wichtiger als solche Kleinigkeiten. Da sie aber so blöd nun auch wieder nicht sind, die Revolution in naher Zukunft zu erwarten, spielen sie nebenher Realpolitik, um sich selber überhaupt Legitimität zu verschaffen und um psychosexuelle Vorgänge wie den Penisneid oder sexuelle Hemmungen und Frustrationen zu verarbeiten. Bei einem offenbar derart schlechten Gewissen nimmt auch die analsadistische Fixierung auf den weißen Mann” nicht wunder. Selber von Klischees beherrscht, wittert man in ihm den Trieb sowie die Macht ihn auszuleben.
Schiller forderte in seiner Erzählung Der Verbrecher aus verlorener Ehre” einen neuen Linné, der das Menschengeschlecht nach Trieben und Neigungen klassifizierte” und fügte hinzu:
Wie sehr würde man erstaunen, wenn man in so manchen, dessen Laster in einer engen bürgerlichen Sphäre und in der schmalen Umzäunung der Gesetze jetzt ersticken muss, mit dem Ungeheuer Borgia in einer Ordnung beisammen fände.
Damit ist er - so viel früher - um so vieles weiter als die Beamten des Antisexismus. Weil er Trieben eine große Bedeutung zuspricht, sie dem Unbewussten subsumiert und mit dem bürgerlichen Ich in Ambivalenz setzt. Aber dennoch nicht das Pathologische verkennt, das das Triebleben durchaus zu beherrschen vermag. Die Grenze setzt, das wusste Schiller, (noch) nicht die eigene Vernunft, sondern das Kollektiv, dem der Mensch sich lieber unterwirft. Die Jagd der Edlen nach den Verbrechern fände Schiller wohl lächerlich anmaßend, denn er weiß, ohne von Freud zu wissen, wie wenig die Edlen sich von den Verbrechern unterscheiden. Mimetisch lehnen sich die linken Sexistenjäger, manchmal wie ghostbuster, an das herrschende Prinzip der Moral durch Zwang an, das sie zu bekämpfen vorgeben. Auch sie gestehen sich nicht ein, dass etwas Grundlegendes nicht stimmen kann, wenn allerorts trotz Gesetzen die schlimmsten Verbrechen begangen werden, dass überhaupt Gesetze nötig sind und diese nicht einfach hemmend über die Triebe gestülpt werden können. Da dies der Fall ist, droht nicht nur der Ordnung Gefahr, sondern die Ordnung selbst droht, wo sie nur kann. Ein Dilemma, dass nur zugunsten des kleineren Übels, dem Rechtsstaat und nicht dem Linkskartell, erträglich und irgendwie auflösbar zu erscheinen vermag.
nichtidentisches wrote:
Fein
Posted on 20-Sep-07 at 8:18 pm | Permalink
Ollie wrote:
Hab selten so gelacht. Du bist ja noch dümmer als Nichtidentisches. Trefft ihr euch in eurer Freizeit um die Dialektik in Rocky und Rambo zu erforschen? Schreibst du sonst auch über Hexen in Afrika, oder doch über Zweitaktmotoren, oder ähnliches? Das was ihr schreibt ist schlechte Literatur und das auch nur mit viel Wohlwollen.Mit eurem Anspruch hat es jedenfalls wenig zu tun.
Posted on 22-Sep-07 at 4:12 pm | Permalink
Nichtidentisches wrote:
Ollie, der Tag, an dem ich das erste kluge Wort aus deinem Munde höre, erhält von mir einen Ehrenartikel. Sag Bescheid, wenn es soweit ist.
Posted on 20-May-08 at 11:27 am | Permalink