Die hohe Kunst der Duploganda
“Die wahrscheinlich längste Praline der Welt“ wird jeder, der das Fernsehen nicht wie das Weihwasser scheut, mit dem ziemlich unspektakulären Schokoriegel „Duplo“ in Verbindung bringen. Die Propagandaabteilung im Hause Ferrero landete wenigstens mit dem eingänglichen da phallischen Attribut einen Volltreffer - auch wenn es sich bei Duplo vielmehr um einen langen Schokokeks handelt. Die Werbung für Duplo wird, da das Produkt auf eine breite Masse zielt, sehr regelmäßig und zu günstigen Sendezeiten von den privaten Sendeanstalten ausgestrahlt. Der schon einige Zeit aktuelle Werbespot soll uns darum interessieren, weil er paradigmatisch für die Usurpation des Mythos durch die Werbebranche und für “den Reklamecharkater der Kunst” (Max Horkheimer und Theodor Adorno, Dialektik der Aufklärung; alle weiteren, nicht näher gekennzeichenten Zitate ebenda) steht. Doch bleiben wir an der Oberfläche, bevor wir den zugrundeliegenden, historischen Stoff wie eine Süßigkeit auspacken wollen.
In dem Werbespot buhlen zwei Männer um die Gunst einer schönen Frau. Der Zuschauer sieht sie gegeneinander surfen, degen und sogar breakdancen. Das Alberne wirkt kokettierend, die Hersteller des Produkts biedern sich dem Publikum in scherzhafter Kumpanei an. Dazu spricht aus dem Off ein Erzähler in einer altertümlichen Versform und einfachen Paarreimen die ebenso leicht bekömmlichen Verse:
Im Frühjahr warn 2 junge Kerle
verliebt in Jana - sie kam aus Werle.
Mit aller Macht und wie von Sinnen
wollten sie ihr Herz gewinnen
Der einfache Zuschauer und sein Bedürfnis nach Liebe wird zwar nicht gespiegelt, aber von der Einfachheit doch angesprochen. Unbewusst eingestanden werden die Zurichtungen des Eros durch die parodiesierenden Bildern ihres peinlichen Hahnekampfes, der als “wie von Sinnen” beschrieben dem nihilistischen Duktus in Heinrich Mann`s “Die Jagd nach Liebe” nicht unähnlich ist. Dann setzt die Pointe ein. Die nicht weniger kluge als schöne Frau bedient sich einer Prüfung, um den richtigen vom falschen Mann zu scheiden und zu einer Entscheidung ihres Herzens zu gelangen. Während des Showdowns auf einem Balkon unter romantischem Sternenhimmel spricht der Erzähler aus dem Off:
Doch wer für sie der Wahre ist
fand Jana raus mit einer List
Drum zückte sie 2 Duplo schnell
Der eine fraß es - gar nicht hell
Der andere und das gefielhatte einfach viel mehr Stil
So eroberte und gewann er sie
mit der hohen Kunst der Duplomatie!
Als Beweis für seinen entwaffnenden Stil fertigt der Gewinner seinem Objekt der Begierde eine Blume aus dem Papier. Die Duploblume sekundiert dem Sieger und der Wirkungskraft des Spots noch umso mehr. Man kann sich vorstellen, wie begierig eines für die Liebe phantasieloses und darum von zurichtenden Suggestionen dürstendes Publikum nach der Anleitung verlangte, um einmal dem oder der Liebsten mit dem Kunststück zu imponieren. Der 18,2 Gramm schwere Schokoriegel mit einem Fettgehalt von 6,2 g und einem Brennwert von 98 kcal wurde jedenfalls nach allen Regeln der Werbekunst sinnlich aufgewertet und durch einfache Komik einem noch einfacherem Publikum aber einer zugleich sozial-heterogenen Zielgruppe vertraut gemacht.
Dabei ist der moralische Kern des historisch-literarischen Stoffs hinter der marktvernünftigen Stilisierung nicht mehr wirkungsmächtig, wenn auch leicht entschlüsselbar. Die Frau im Zentrum ist angelehnt an die mythische Gestalt des weisen Richters, der die Wahrheit mit einer List zu finden versteht. Schon im alten Testament ist dieses Motiv enthalten. In den alten orientalischen Legenden ging es noch um den Rechtsstreit zweier Mütter um ein Kind, das im Zuge von Kriegen und Wanderungen verloren ging. Der Richter zog einen Kreis, wo hinein das Kind kam. Die Mütter wurden aufgefordert an ihm zu ziehen, der Gewinnerin wurde es versprochen. Die Frau aber, die den Worten nachkam und tatsächlich an dem Kleinem zerrte, konnte der Richter als Mutter auschließen und die Zurückhaltung der Anderem als wahre Mutterliebe triumphieren.
Der chinesische Dichter Li Hsing Tao (1259- 1338) machte den Streit um einen Knaben in seiner Dichtung ,,Der Kreidekreis” berühmt und ergänzte es um den Aspekt der materiellen Bereicherung, da sich an das Kind eine Erbschaft knüpfte. 1925 veröffentlichte Klabund eine Nachdichtung, die wohl von seiner Ehefrau in die Hände Bertolt Brechts gespielt wurden. Brecht schuf dann in seinem berühmten „Kaukasischen Kreidekreis“ ein modernes Bild des Mythos und paraphrasierte in seiner Lieblingsform, der Parabel, die Klassengesellschaft, in der er sich wähnte und die er bekämpfte. Interessant am Rande ist dabei, dass der Kommunistenkünstler das Stück im amerikanischen Exil für den Broadway schrieb, wo es am 5. Mai 1945 auch uraufgeführt wurde. Plausibel erscheint dies nur vor dem Hintergrund, dass die Amerikaner zu jener Zeit den sowjetischen Verbündeten, allen voran den großen Mann Stalin noch achteten, bevor McCarthy diesem Treppenwitz der Geschichte vorläufig ein humorloses Ende setzte.
Von dem Stoff, der die Leiter der Menschheit mit hinauf- und hinabstieg und wie ein Spiegel seiner Zeit die Dialektik von Habsucht und Weisheit reflektierte, ist im Duplo-Spot nicht mehr viel übrig geblieben. Nun mehr ist das Objekt der Begierde identisch mit dem weisen Richter, das Objekt also zugleich Subjekt geworden. Im Odysseus-Kapitel der Dialektik der Aufklärung decken Adorno und Horkheimer den Kontext von Frau und Natur in der bürgerlichen Gesellschaft auf:
In der Auseinandersetzung von Aufklärung und Mythos, deren Spuren die Epopöe aufbewahrt, ist die mächtige Verführerin zugleich schon schwach, obsolet, angreifbar und bedarf der hörigen Tiere als ihrer Eskorte. Als Repräsentantin der Natur ist die Frau in der bürgerlichen Gesellschaft zum Rätselbild von Unwiderstehlichkeit und Ohnmacht geworden. So spiegelt sie der Herrschaft die eitle Lüge wider, die anstelle der Versöhnung der Natur deren Überwindung setzt.
Warum eine Menschheit, die Brecht liest und sich für Geschichte interessiert, in Deutschlands intellektuellen Vorhöfen zumal sich mehrheitlich als antikapitalistisch und kulturkritisch versteht, dem nicht auf den Grund geht, konnten die beiden deutschen Exilantenin der Vorrede zur Dialektik der Aufklärung in ihren berühmten Worten plausibilisieren:
Der Einzelne wird gegenüber den ökonomischen Mächten vollends annulliert. Dabei treiben diese die Gewalt der Gesellschaft über die Natur auf nie geahnte Höhe. Während der Einzelmne vor dem Apparat verschwindet, den er bedient, wird er von diesem besser als je versorgt. Im ungerechten Zustand steigt die Ohnmacht und Lenkbarkeit der Masse mit der ihr zugeteilten Gütermenge. Die materiell ansehnliche und sozial klägliche Hebung des Lebensstandards der Unteren spiegelt sich in der gleißnerischen Verbreitung des Geistes. Sein wahres Anliegen ist die Negation der Verdinglichlichung. Er muß zergehen, wo er zum Kulturgut verfestigt und für Konsumzwecke ausgehändigt wird. Die Flut präziser Informationen und gestriegeltem Amüsements witzigt und verdummt die Menschen zugleich.
Es ist weißgott kein neidenswerter Erkenntnisgewinn, den Mythos in der Werbung und die Reklame in der Kultur zu entdecken. Besonderer Bedeutung kommen jedoch zwei zusammenhängenden Aspekten zu. Einmal ist die üble Entstellung des noch bei Brecht behandelten Stoffes schon ziemlich frech. Doch im Gegensatz zum Aufschrei der linksdeutschen Avantgarde über die Verwendung von Rio Reisers Melodie und Text zum “König von Deutschland” durch den Multimediakonzern Mediamarkt - der “das alles und noch viel mehr” zynisch und kompromisslos zu “saubillig und noch viel mehr” degenerierte - macht den selbsternannten Kritikern der Kulturindustrie in diesem Fall wahlweise Denkfaulheit oder Geistesgrenze einen Strich durch die Abrechnung mit dem Kapital. Möglich auch, dass sie von dem romantischem Gewand der Duplo-Reklame kapitulierten, sowie Adorno und Horkkeimer zufolge “Liebe als Ideologie über den Haß der Konkurrenten betrügen” muss.
Adorno wäre entgegenzuhalten, dass ökonomische Dreistigkeit nicht nur die Ursache von Dummheit, sondern auch ihre Folge in Gestalt der kalkulierenden Restvernunft des Unternehmers ist. Überdies sind die Kritiker der kulturindustriellen Dreistigkeit, die gerade diesen Umstand außer acht lassen, meist nicht weniger dreist, wenn sie zu blöde oder sich zu schade sind, wenigstens in wenigen Worten einen Werbespot zu kritisieren, der nun schon einige Zeit durch das mediale Warenuniversum kreist: Während Libido, Reimkunst, Breakdance und Mythos beliebig, aber auf die Wirkung des Ganzen bedacht, im Duplo-Spot miteinander verschmolzen werden, sind dagegen Moral und Wahrheit aus dem Stoff des Kreidekreises in dem Schmelz schlichtweg überflüssig, der nun mal viel leichter ohne schweren Ballast an das Volk gebracht zu werden vermag. Gerade noch ist eine Spur von Sittlichkeit und Liebesklugheit zu erkennen, die in der distinguierten Gentleman-Attitüde des Gewinners liegt, mehr aber auch nicht. Gewonnen hat nur Ferrero und die hohe Kunst der Duploganda.
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