All Cops are Bastards…
Schon wieder Italien, schon wieder ein Toter, scheiß Fussballhools, stöhnt die betroffenheitsgeile Presse genussvoll auf. Ganz Europa ist in heller Aufregung wegen ein paar brennender Polizeiautos. Der Auslöser: Ein italienischer Polizist erschiesst unter rätselhaften Umständen einen römischen Fussballfan und wird daraufhin nur in den Innendienst versetzt. Die angesetzten Spielpaarungen werden bis auf zwei Ausnahmen eiskalt durchgezogen. Noch Anfang des Jahres wurden ein Spieltag komplett abgesagt, nachdem am Rande des sizilianischen Derbys zwischen Catania Calcio und US Palermo bei Krawallen zwischen beiden Fangruppierungen ein Polizist getötet wurde.
Gabriele Sandri ist ein lebenslustiger Mensch. Er liebt die Frauen, laute Musik und natürlich - wie es sich für einen richtigen Italiener gehört - den Fussball. Sein Lieblingsverein ist der Hauptstadtverein Lazio Rom. Am vergangenen Samstag ist er zusammen mit vier Freunden auf dem Weg zum Auswärtsspiel nach Mailand. Dort soll seine Lieblingsmannschaft gegen den Meisterschaftsfavoriten Inter Mailand antreten. An einer Autobahnraststätte in der Toskana trifft die Fahrgemeinschaft auf ein Auto mit vier Fans von Juventus Turin. Laut Presse gerieten die beiden Gruppen “schnell” aneinander, es sollen Fäuste geflogen sein. Von der gegenüberliegenden Raststätte in südlicher Fahrtrichtung sahen einige Polizisten das Geschehen, quer über die sechs Fahrbahnen hinweg.
Direkt eingreifen konnten sie nicht, aber ein Beamter schaltete die Sirene ein, und sein Kollege Luigi S. gab einen Warnschuss ab. Die Fussballfans hasteten zu ihren Autos, fuhren los - und jetzt erst löste sich angeblich der tödliche Schuss, aus mindestens 50 bis 70 Metern Entfernung. Luigi S. behauptet, dass er in Richtung der Fahrbahn gelaufen sei, um das Modell des wegfahrenden Wagens zu identifizieren, als die Pistole einfach losgegangen ist. Die Zeitung “La Repubblica” zitiert jedoch auf ihrer Internet-Seite einen Augenzeugen des Vorfalls, der aussagt, der Polizist habe “die Pistole mit beiden Händen umfasst, die Arme ausgestreckt und gezielt geschossen“. Völlig ungeklärt ist auch, wieso die Pistole in Richtung des wegfahrenden Autos wies, quer zur angeblichen Laufrichtung des Beamten.
Gegen Luigi S. wird derzeit wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Doch suspendiert ist der 32-jährige Beamte nicht - er wurde bloß in den Innendienst versetzt. Daraufhin solidarisierten sich sogar verfeindete Fangruppierungen miteinander und griffen gemeinsam die Polizei an. Überall in Italien. In Mailand verbrüderten sich die Inter- sowie die (angereisten) Lazio-Fans, in Rom die eigentlich in tiefer Feindschaft gegeneinander stehenden Ultra-Gruppierungen von Lazio und AS Rom um zu Hunderten die Polizei anzugreifen. Spiegel Online spricht sogar von “stadtguerillaähnlichen Szenen rund ums Olympiastadion in Rom” und sieht darin eine neue Qualität der Krawalle. Die Parole des Tages lautete bei den Tifosi: “Für einen toten Polizisten unterbrecht ihr die Meisterschaft, ein toter Fan hat keine Bedeutung“.
Die Reaktion der Bevölkerung ist wie üblich. Trotz berechtigter Zweifel an der offiziellen Version des Tathergangs sind nicht die staatlichen Vertuschungsversuche ein Problem für die ehrenwerte Gesellschaft, sondern die emotionale Reaktion der sogenannten Hooligans. Aber nicht nur die italienische Bevölkerung will viel lieber alle potenziellen Krawallmacher hinter Gitter sehen, statt den schießwütigen Carabineri. Völlig panisch wird auch in Deutschland schon die Stimmung aufgeheizt, und von der Presse schon mal vorsorglich gefragt, ob solche Zustände auch in diesem Land möglich wären. In diesem Fall fällt meine Antwort - im Gegensatz zu Herrn Thomas Weinmann - sogar mal positiv aus. Das beste Beispiel dafür ist die derzeitige Vereins- und Öffentlichkeitspolitik bei Hansa Rostock.
Nachdem das Ostseestadion in einem Akt finanzieller Not in DKB-Arena umbenannt wurde, hatte die Vereinsführung nichts besseres zu tun als die dagegen protestierenden Fans noch weiter zu verärgern. Ein läppisches Ostseestadion-Transparent welches die treuesten der Treuen in ihrem Block 27 aufhingen, geriet so zum Anlaß für ein wenig Zärtlichkeit zwischen den zugekoksten ABS-Ordnern und den Ultras aus Rostock. Ein gewisser Herr Matthias Wolf behauptet in der Berliner Zeitung vom Wochenende: “In dieser Saison kam es bereits bei den Heimspielen gegen Nürnberg und Schalke zu teilweise heftigen Auseinandersetzungen mit Ordnungskräften in der Südkurve des Stadions. Polizeieinsätze im Fanblock - derartige Aktionen kennt man aus anderen deutschen Arenen seit Jahren nicht mehr.”
Ja, entweder lügt der Herr Wolf hier dreist, wurde von der Vereinsführung belogen, oder er versucht Zusammenhänge zu konstruieren, die so nicht der Wahrheit entsprechen. Eins jedenfalls steht fest, beim Spiel Hansa Rostock gegen den 1.FC Schalke 04 sind die Stadionordner mit Gewalt in den Block 27 eingedrungen um das dort von den Fans angebrachte Ostseestadiontransparent zu entfernen. Die Polizei war an diesem Tag zu keiner Zeit im Einsatz. Und das die Ordner an diesem Tag ihrer Aufgabe nicht gewachsen waren, die Vereinsführung denkt sie könne ohne die Fans schalten und walten wie sie will und die Presse gleich wieder den bösen, bösen Fussballfans die Schuld in die Schuhe schiebt, ja das alles hat einen Anteil daran, dass ansonsten relativ friedfertige Menschen ihre fünf Finger zur Faust formen.
Aber, wem erzähle ich das…
Gröxi wrote:
dieser artikel ist ja mal ein analytisches meisterwerk.
Posted on 13-Nov-07 at 2:15 am | Permalink
Leseempfehlung « Telegehirn wrote:
[...] Nov 13th, 2007 by telegehirn Bei Bad Blog hat der hochverehrte Kollege Edward E. Nigma die passenden Worte zu den Vorfällen im italienischen Fußball gefunden: All Cops are Bastards. [...]
Posted on 13-Nov-07 at 10:00 pm | Permalink
Edward E. Nigma wrote:
Wenn es noch einen Ort in Deutschland geben sollte, wo Ironie nicht zwingend notwendig mit einem Smilie gekennzeichnet werden muss, dann möchte ich davon dringend in Kenntnis gesetzt werden. Eins steht schon fest: das ADF-Forum kann es nicht sein. Dort regen sich gerade eine Menge deutsche Kleingeister darüber auf, dass ich mir den Spaß erlaubt habe eine ziemlich launische Einleitung zu dem hier veröffentlichten Artikel zu fabrizieren.
Lustigerweise rühmt sich einer der Kanaillen ein altes Ekel zu sein und stellt gleichzeitig eindrucksvoll unter Beweis, dass er gar keine Ahnung von der Materie hat. Dass gerade die Fans des AS Roma - die zusammen mit den verfeindeten Fans von Lazio am Wochenende randalierten - sich seit Jahrzehnten als antifaschistisch definieren, wird das Ekel womöglich hier zum ersten Mal lesen. Allein rund 35 Ultra-Gruppierungen mit insgesamt 5275 Anhängern werden in Italien dem linksextremistischem Spektrum zugeordnet. Aber das ist alles egal, Hauptsache die Pionte mit den neofaschistischen Hools und dem Erbrochenem in der Unterhose kann mal wieder unters das nach solchen Leckerbissen lechzende Volk gestreut werden…
Posted on 14-Nov-07 at 10:46 pm | Permalink