Holmes vs. Realität

Viele ehemalige radikale Linke werden gegen Ende ihres Studiums äußerst nachdenklich wenn sie an ihre Zukunft denken. In der linken Kaderbewegung haben sie zwar etwas Erfolg gehabt, den ein oder anderen Text veröffentlicht, aber der richtige Durchbruch bis ins Herz des linken Establishment lässt bisher immer noch auf sich warten. Zur Auswahl stehen dann meist nur zwei Optionen: Entweder es sich gemütlich zumachen in der zweite Reihe oder zu einer anderen Religion konvertieren, wie zum Beispiel Hadayatullah Hübsch.

Doch das mit dem Konvertieren ist so eine Sache, meist schleppt man trotz gegenteiliger Behauptungen den ideologischen Rucksack, den man sich in jungen Jahren mit Verve selbst umgeschnallt hat, unter anderen Vorzeichen weiter mit sich herum. Aktuell beweist dies niemand so deutlich wie Michael Holmes, der gerade mittels einer mit Absicht allgemein gehaltenen Fatwa gegen Antifa-Aktivisten bzw. demokratischen Anhängern eines Bündnisses mit vernunftbegabten Antifaschisten zu polemisieren versucht. Mittels des an Höhepunkten und Erkenntnissen armen bzw. lahmen Textes stellt sich der selbsternannte Geisterjäger Holmes selbst ein Armutszeugnis aus. Ohne es selbst auch nur ansatzweise zu bemerken, beweist er, dass es eben keine Frage des politischen Standpunktes oder der Moral ist, ob man als politisch zurechnungsfähig zu gelten hat, oder eben nicht… Es ist und bleibt eine Frage des Anstandes und der Redlichkeit.

Angefangen hat alles damit, dass Telegehirn sich zu “Recht darüber aufgeregt hat, wie der von Neonazis ermordete Silvio Meier von sich liberal dünkenden Menschenhassern zum Täter umgedichtet wurde. Daraus entspann sich eine kleinere Blogdiskussion in deren Verlauf sich auch das Philologische Klo, MartinM von den bissigen Liberalen, Daniel Fallenstein und eben Herr Holmes zu Wort meldeten. Insgesamt eigentlich nur ein Sturm im Wasserglas, weil ein dummer Deutscher sich als genau solcher öffentlich geoutet hat. Doch für Holmes war es mal wieder die perfekte Steilvorlage um sein Konvertitendasein als Neuliberaler zu untermauern, und vielleicht die ein oder andere seelische Erbauung durch zustimmende Kommentare zu erhalten. Also haute er, statt einfach einmal ins Fitnessstudio zu gehen, wie ein Wahnsinniger in die Tasten und eben nicht auf den extra dafür erfundenen Sandsack…

Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass Holmes im Eifer des Gefechtes ein Anfängerfehler nach dem anderen unterläuft. Zwar ist es - zum Beispiel - ganz wichtig beim Dicke-Eier-Spiel in der Blogossphäre gleich am Anfang festzuhalten, dass man sogar etwas Ahnung von dem hat, worüber man palavern will, aber wenn einer in der Öffentlichkeit von sich behauptet, das er “mehrere Jahre in der Antifa organisiert” war und weiß wovon er “rede“, dann kann es sich nicht gerade um jemanden handeln, der sehr viel mitbekommen hat von der Materie. Verschwiegenheit war bzw. ist nämlich eines der obersten Prinzipien innerhalb der organisierten Antifabewegung, auch lange nachdem man bzw. frau dem Verein angehört hat. Diese Regel halten selbst liberale Konvertiten ein, da es den Strafverfolgungsbehörden in der Regel egal ist, ob man heutzutage ein guter Staatsbürger ist oder nicht…

Aber womöglich ist der Holmes auch ein Dinosaurier der Antifabewegung, die eigentlich schon längst für ausgestorben gehalten werden, denn was er zu Papier gebracht hat, kann mit der heutigen Realität keineswegs verwechselt werden: “In den besetzten Häusern und Jugendzentren, wo man sich zwecks Vorbereitung der Weltrevolution trifft, hängen dann auch bis heute die Fahnen der untergegangenen Sowjetunion, der DDR oder des kommunistischen Kuba.

“Faschisten” sind für die Antifa nicht nur die nationalen Sozialisten von der NPD. “Faschisten” sind eigentlich alle, die keine Kommunisten oder doch wenigstens Anarchisten sind. “Faschisten” sind ihnen alle Konservativen, “verkappte Faschisten” die Neoliberalen. Allesamt. Mindestens. Und die Sozialdemokraten? Die schimpft man am liebsten “feige Verräter”.

Okay, berichtigt mich wenn ich falsche liege, aber offiziell besetzte Häuser gibt es in Deutschland vieleicht noch zwei, maximal drei, alle anderen ehemaligen Hausprojekte haben Mietverträge, so wie es sich für einen ordentlichen Liberalen gehört. Und wenn Holmes in diesem Jahrhundert wirklich schon mal einen Fuß in ein Antifa-Jugenzentrum gesetzt haben sollte, dann muss er wohl oder übel zum Optiker. Die Fahne die derzeit am häufigsten in antifaschistisch dominierten Jugendzentren zu sehen ist, ist immer noch die Israelische. DDR-Fahnen, vor allem in der ostdeutschen Antifaszene sind eigentlich verboten, da die Ostzone, wenn sie auch etwas sozialer war als die BRD, ziemlich treffsicher als “typisch deutsch” analysiert wurde. Und was die Faschisten betraf, lieber Herr Holmes, das ist die Antifa zum großen Teil weiter als es ihrem Weltbild lieb sein kann. Der Unterschied zwischen den beiden Begriffen Neonazis und Neofaschisten ist ein oft diskutiertes Detail innerhalb der Szene. Welche Gruppe sich nun für welchen Begriff erwärmt, zeigt einem auch auf, wie fortschrittlich sie ist. Auch die Bündnisfrage ist schon immer eine vieldiskutierte gewesen: Bündnisse mit der CDU gab es im Osten der Republik schon Ende der 90er Jahre, die AAB hatte auch nie Probleme mit ‘neoliberalen’ Sendern wie MTV zu kooperieren. Also falls Holmes in seiner Antifazeit so dogmatische Sichtweisen kennengelernt haben sollte, dann vielleicht bei der SDAJ, aber nicht bei der öffentlichkeitsgeilen Autonomen Antifa.

Auch die Unterteilung in Kommunisten und Anarchisten ist schon seit Jahren anachronistisch. Derzeit wird in der Antifa zwischen Antideutschen und Antiimperialisten unterschieden, und auf der Seite der Antiimps sind viele der von Holmes favorisierten Anarchos zu finden. Daneben gibt es auch viele Antifas die zwischen den gerade erwähnten Polen angesiedelt sind und sich als antinational bezeichnen. Es gibt also allein was die grobe Einteilung “der Antifabewegung” betrifft drei große Strömungen, und eben nicht die Eine aus den 80er Jahren, welche mit DDR-Fahnen, Maokult und Kubafaible um die Häuser zog. Es ist schon putzig, dass was Holmes der Antifa allgemein vorwirft, nämlich alle Nichtkommunisten über einen Kamm zu scheren, macht der neudemokratische Großmeister selbst, in dem er ständig von “der Antifa” und “den Demokraten” spricht als wären sie monolithische Blöcke. Aber nach seiner Aussage ist das bei ihm jetzt wohl systemimmanent:

Aber - und daraus macht man auch gar keinen Hehl - eines ist allen Beteiligten immer klar: ein ‘Bürger’ - ob braun, schwarz, grün oder hellrot - hat nichts als Verachtung verdient. Jeder demokratische oder liberale Antifaschismus ist in den Augen der Antifa “systemimmanent” und deswegen letzten Endes selbst bekämpfenswert, vom Antitotalitarismus ganz zu schweigen.

Herr Holmes, vielleicht haben sie nie in ihrem Leben so genannte Bürgerinformationen verteilt, vielleicht haben sie niemals auf einer überbreiten Bündnisrunde zwischen den Antipoden Gruppe Arbeitermacht und Bündnis 90/Die Grünen gesessen. Vielleicht wollten Sie dies auch nie, weil dort wo man dies gemacht hat, dort waren die Neonazis wirklich ein Problem für Leib und Leben.

Es mag gut sein, dass Holmes in seiner Zeit bei der Antifa schlechte Erfahrungen gemacht hat, wie beinahe jeder, wenn er ehrlich zu sich ist, aber der deswegen lang gehegte Groll, darf nicht die Beurteilung der gesellschaftlichen Leistung antifaschistischer Interventionen beeinträchtigen. So darf man einfach nicht vergessen, dass es eben die Antifa-Rechercheaktivisten waren, die es vor sieben Jahren geschafft hatten die von Neonazis ermordeten Menschen wieder halbwegs ins Bewußtsein der Gesellschaft zurück zu katapultieren. Das dafür die eine oder andere Fensterscheibe zu Bruch ging, ist mir persönlich noch heute völlig wurscht. Fensterscheiben kann man wieder reparieren, tote Menschen nicht. Man kann ihnen nur gedenken und dadurch ansatzweise dafür sorgen, dass es nie wieder geschieht, oder anderen Menschen wenigstens den Mut finden, wenn sie Zeuge von einer solchen Menschenhatz sind, dass sie dann reagieren und nicht nur mit den Schultern zucken.

Und zur Gewalt: Zu den Lieblingshobbys der Antifas gehört neben dem rituellen Steinewerfen auf die Polizisten der ersten stabilen Demokratie in Deutschland immer auch das Erstellen von Listen. Von Listen? Von Listen. Da stehen nicht nur ortsbekannte Neonazis drauf. Da stehen dann - je nach Geschmack - auch die Namen einer Menge von konservativen oder liberalen, manchmal auch von grünen oder sozialdemokratischen Politikern, von Unternehmern oder religiösen Führern und natürlich von Aussteigern drauf.

Ja, ja wer von der ersten deutschen Demokratie, die auch noch stabil ist, faseln kann, und die letzten achtzehn Jahre in diesem Land erlebt hat, der kann nur aus dem Westen der Republik bzw. aus dem Westteil von Berlin kommen. Das Einzige was in Ostdeutschland stabil ist, ist die Arbeitslosenquote und der Hass auf alles Fremde. Die Recherche gegen Neonazis und ihre Förderer war überlebensnotwendig für die wenigen Nichtdeutschen und jene die zwar laut Pass Deutsche waren, aber den arischen Maßstäben der Neonazis nicht genügten. Für die Behauptung, dass angeblich Aussteiger und unbescholtene Politiker in den schön im Nazispreech als “Listen” bezeichneten Recherchebroschüren standen, bleibt Holmes natürlich jeden Beweis schuldig. Es ist der durchschaubare Versuch Antifaschisten auf eine Stufe mit ihren Gegnern, den Neonazis zu stellen, womit Holmes eigentlich die Ebene der sachlichen Diskussion komplett verlassen hat. Doch er wäre nicht der Exlinke Holmes, wenn er nicht noch einen drauf setzen würde:

Aber eines Tages… Eines Tages ist ihr Tag. Und da wird es eine Wand geben. Und ob da dann auch die nützlichen Idioten - entschuldigt bitte, ist nicht böse gemeint, muss aber sein - aus der liberalen Blogosphäre davor stehen werden, das weiß ich nun nicht, denn das wird spontan und vor Ort und “dezentral” entschieden. Mir hat man meinen Ehrenplatz bereits zugesichert.

Holmes bettelt hier förmlich um die Aufmerksamkeit seiner selbsternannten Gegner, die ihn eigentlich - bis auf eine Ausnahme - bisher geflissentlich ignoriert haben. Welche psychologische Disposition genau dahintersteckt weis ich nicht, aber da können ja unsere geneigten Leser mir ein wenig auf die Sprünge helfen. Herrn Holmes jedenfalls ist nicht mehr zu helfen, wenn er allen Ernstes behauptet, ihm sei von dem imaginieren Antifa-Erschiessungskommando schon der Ehrenplatz zugesichert worden. Lieber Herr Holmes, bitte nehmen sie einfach zur Kenntnis, selbst wenn es ein solches Kommando gäbe, sie sind nicht einmal ansatzweise so interessant, dass sie auf einer der angeblichen ‘Listen’ auch nur unter dem Unterpunkt Sonstiges auftauchen würden. Also keine Bange…

Der Tag wird nicht kommen? Wahrscheinlich nicht. In vielen Ländern dieser Erde (darunter bekanntlich auch Deutschland) hat es schon oder gibt es noch viel zu viele dieser Tage. Und an diese Tage sollten liberale Demokraten sich und andere immer wieder erinnern. Schon aus Eigeninteresse. Aber vielleicht auch aus Gründen der Solidarität. Ich meine ja nur…

Der Herr Holmes, meint “ja nur” etwas zu einer Debatte beizutragen, wo er eigentlich doch nur um etwas Aufmerksamkeit bettelt. Doch nach diesem kurzen Ritt durch seine Vergangengheit meine nicht nur ich mit Herrn Holmes fertig zu sein. Er demontiert sich komplett und man kann getrost behaupten, dass es jetzt wohl die stalinistische liberale Fraktion (SLF) gibt, die darüber wacht, dass auch ja kein liberales Schäfchen mit den Antifa-Schmuddelkindern aus der Unterstadt spielt, weil die nämlich, ganz im Gegensatz zum Stalin aller Neuliberalen, Herrn Holmes, eine eng gefasste ideologische Scheuklappe ihr eigen nennen. Soetwas kann nur passieren, wenn der Zweck die Mittel heiligt, der Zweck ist die Aufmerksamkeit die Holmes jetzt wieder geschenkt wird. Das Mittel ist die Denunziation tausender ehemaliger und aktiver Antifaschisten als veritable Linksfaschisten. Die Methode nenn ich mal keck: Alle-über-einen-Kamm-scheren.

Und wo hat er das alles gelernt, der gute Holmes? Bestimmt nicht in der örtlichen Landjugendabteilung oder bei den christlichen Pfadfindern… Ganz bestimmt nicht.

Comments (26) to “Holmes vs. Realität”

  1. Silvio Meier Gedenkdemo Berlin und die liberale Anti-Antifa…

    Was ich von den aktuellen Silvio Meier Demos so halte, habe ich den letzten Jahren hinlänglich beschrieben - für mich sind diese Demos dem Anlass schlicht nicht angemessen und ich gehe schon wegen der Palituchdichte und dem offen zur Schau gestellte…

  2. [...] Nun greift M. Holmes ein. MartinM kontert bei B.LO.G. (die Kommentare sind auch lesenswert) und Edward Nigma (Bad Blog) hat auch noch was zu sagen. [...]

  3. wenn einer in der Öffentlichkeit von sich behauptet, das er “mehrere Jahre in der Antifa organisiert” war und weiß wovon er “rede“, dann kann es sich nicht gerade um jemanden handeln, der sehr viel mitbekommen hat von der Materie. Verschwiegenheit war bzw. ist nämlich eines der obersten Prinzipien innerhalb der organisierten Antifabewegung, auch lange nachdem man bzw. frau dem Verein angehört hat.

    Verschwiegenheit als oberstes Prinzip? Also etwa so wie bei Sekten oder der Mafia? Und auch noch bei Aussteigern? Etwa, weil sie sonst Gefahr laufen, von ihren früheren Kumpels physisch belangt zu werden? Hmmm, bestätigt eigentlich eher das, was der Herr Holmes da schreibt.

  4. Danke für diese eingehende Analyse. Ich bin, was Holmes Artikel angeht, zu ähnlichen Schlußfolgerungen gekommen. Er beschreibt eine “Antifa”, die es vielleicht mal vor 15 Jahren gegenben hat, und auch damals nur in den dogmatischen Ecken.

  5. Bürger, jetzt stellen Sie mal Ihr Licht nicht so derart plumb unter den Scheffel. Die ehemaligen Genossen waren und sind niemals gefährlicher gewesen, als die Neonazis denen man jahrelang auf den Sack gegangen ist. Das passt vielleicht nicht in ihr pseudo-antitotalitäres Weltbild, aber so ist es nun einmal in der Realität.

    Ebenfalls, und das schrieb ich ja schon in meinem Text - was sie natürlich im Zitat aussparen - sind die staatlichen Strafverfolgungsbehörden auch ziemlich nachtragend.

  6. Sag mal wo ist der Text auf Achgut denn hin? Bei dem Link landet man jedesmal auf dem neuesten Text von denen aber wahrscheinlich zum Glück nie beim Holmes.

    Der sollte im übrigen wirklich erst an die Wand gestellt und dann an der Wand ausgelacht werden oder so, und mit Wattebäuschen beworfen werden auf denen steht: “Ich bin gar kein Kommunist, ich bin Liberaler! JAWOLL!

  7. Das Pamphlet von Holmes ist auf unerklärlicher Weise verschwunden: Ich hoffe mal, dass dem einem oder anderen Autoren des Achgut-Blogs aufgefallen ist, wie selten dämlich der Text von Holmes war…

    PS: Vielleicht kann ja jemand den Text auf einer anderen Seite spiegeln, dass wäre für die Diskussion doch recht förderlich…

  8. Und da wird es eine Wand geben.

    Holmes soll sich mal nicht für so wichtig halten. Der bekommt höchstens Gulag (so 10-15 Jahre). Die Wand ist nur für ganz ausgesuchte Personen: Holger Apfel, Joschka Fischer, Claudia Roth und alle Comedians von RTL. Das war es dann aber auch…

  9. Michael Holmes 26.11.2007 - Achse der Guten

    Es ist nicht alles schlecht an der Antifa…

    Jetzt hat also ‘die liberale Blogosphäre’ eine Antifa-Debatte. Ich hätte nicht gedacht, dass es da viel zu diskutieren gibt. Wenn aber MartinM von den B.L.O.G. und D. Fallenstein den Demokraten in Deutschland eine Art ‘kritische’ Zusammenarbeit oder doch einen Neutralitätspakt mit den Linksextremen nahelegen, dann muss ich doch mal ein paar wenige Worte zu dieser Organisation und ihrem Umfeld sagen. Ich war mehrere Jahre in der Antifa organisiert und weiß wovon ich rede.

    Die Antifa ist in erster Linie kommunistisch. Etwa 80% ihrer Kader und Anhänger sind bekennende Kommunisten. Der Rest ist eher anarchistisch orientiert (und manchmal, keineswegs immer, etwas weniger unsympathisch). Dementsprechend wird ihr Logo dann auch von zwei wehenden roten und schwarzen Fahnen geziert, wobei sich die rote Fahne aufdringlich über die schwarze schiebt, so als wollte sie drohend an Kronstadt erinnern. In den besetzten Häusern und Jugendzentren, wo man sich zwecks Vorbereitung der Weltrevolution trifft, hängen dann auch bis heute die Fahnen der untergegangenen Sowjetunion, der DDR oder des kommunistischen Kuba.

    “Faschisten” sind für die Antifa nicht nur die nationalen Sozialisten von der NPD. “Faschisten” sind eigentlich alle, die keine Kommunisten oder doch wenigstens Anarchisten sind. “Faschisten” sind ihnen alle Konservativen, “verkappte Faschisten” die Neoliberalen. Allesamt. Mindestens. Und die Sozialdemokraten? Die schimpft man am liebsten “feige Verräter”. “Faschisten” sind auch alle religiösen Menschen außer Ernesto Cardenal und - wenn draußen die Sonne scheint und man guter Laune ist - vielleicht auch mal Martin Luther King. Der war dafür ein Weichei. Habe ich schon erwähnt, dass alle Kritiker des Kommunismus, im Westen und insbesondere im Osten, “Faschisten” und “Reaktionäre” sind? Nein? Das sollte ich auch gar nicht erst erwähnen müssen.

    Sicher, keine Demovorbereitung bei der nicht kontrovers über den Umgang mit den “bürgerlichen Spießern” diskutiert wird. Soll man “radikal” und “konsequent” unter sich im schwarzen Block bleiben? Oder doch, wie (angeblich) damals in Spanien, ausnahmsweise die “Volksfront” aufbauen? Aber - und daraus macht man auch gar keinen Hehl - eines ist allen Beteiligten immer klar: ein ‘Bürger’ - ob braun, schwarz, grün oder hellrot - hat nichts als Verachtung verdient. Jeder demokratische oder liberale Antifaschismus ist in den Augen der Antifa “systemimmanent” und deswegen letzten Endes selbst bekämpfenswert, vom Antitotalitarismus ganz zu schweigen.

    Und zur Gewalt: Zu den Lieblingshobbys der Antifas gehört neben dem rituellen Steinewerfen auf die Polizisten der ersten stabilen Demokratie in Deutschland immer auch das Erstellen von Listen. Von Listen? Von Listen. Da stehen nicht nur ortsbekannte Neonazis drauf. Da stehen dann - je nach Geschmack - auch die Namen einer Menge von konservativen oder liberalen, manchmal auch von grünen oder sozialdemokratischen Politikern, von Unternehmern oder religiösen Führern und natürlich von Aussteigern drauf.

    Aber die wollen doch nur spielen? Richtig. Denn momentan ist ja - Oh Gram! Oh Graus! Was tun? hätte auch der Genosse Lenin gefragt! - keine “revolutionäre Situation”. Aber eines Tages… Eines Tages ist ihr Tag. Und da wird es eine Wand geben. Und ob da dann auch die nützlichen Idioten - entschuldigt bitte, ist nicht böse gemeint, muss aber sein - aus der liberalen Blogosphäre davor stehen werden, das weiß ich nun nicht, denn das wird spontan und vor Ort und “dezentral” entschieden. Mir hat man meinen Ehrenplatz bereits zugesichert.

    Der Tag wird nicht kommen? Wahrscheinlich nicht. In vielen Ländern dieser Erde (darunter bekanntlich auch Deutschland) hat es schon oder gibt es noch viel zu viele dieser Tage. Und an diese Tage sollten liberale Demokraten sich und andere immer wieder erinnern. Schon aus Eigeninteresse. Aber vielleicht auch aus Gründen der Solidarität. Ich meine ja nur…

    Sollten also Liberale keine Bündnisse mit linken oder konservativen Kräften schließen? Doch. Unbedingt. Selbstverständlich. Wir haben ein gemeinsames Ziel, das wichtiger als alle unsere Differenzen ist. Aber es sollten schon linke und konservative Antitotalitaristen sein.

  10. Danke für diesen sehr schönen und ausführlichen Artikel. Könnt ihr mir den Text von Holmes vielleicht mailen? Leider ist der ja verschwunden und ich würde das gerne mal genauer analysieren und mich dann ausführlich dazu äußern.

    Von meiner Nach-der-Revolution-stellen-wir-an-die-Wand-Liste ist Holmes jedenfalls gestrichen. Für den wäre selbst ein Diablo aus der Luftpistole voll die Verschwendung.

  11. Dankeschön.

    Auf dein Postscriptum bezogen war das mit dem förderlich aber auch eher optimistisch. Und wann ist eigentlich irgendwem letzmals der “revolutionäre A.” übern Weg gelaufen?

    Ich weiss dass faellt jetzt unter die Omerta, aber leider war ich nie bei dem Spass dabei, wenn “In vielen Ländern dieser Erde (darunter bekanntlich auch Deutschland)” die Antifa Liberale an die Wand gestellt hat.

    Aber ein Wohlgefühl bringt der Text ja, ich hab mich seit dem Antifasommer bis heute schliesslich doch ein bisschen zu liberal gedeucht. Danke an Holmes, für die Totalitarismuskeule, und fix nochmal beim Genossen Djugaschwilli die Methodik abgeschaut.

    PS.: Meine Wattebäusche müssen wohl editiert werden zu “ich bin gar kein dummer Antifa und auch kein doofer Kommunist, ich bin ein saubloeder Liberaler! JAWOLL! (mit Hacken zusammen)“. Naja vielleicht können wir ihn ja auch mit bedruckter Zuckerwatte bewerfen, will irgendwer mit dem Holmie zum Weihnachtsmarkt?

  12. Das kann ja auch nur einem intoleranten Antifaschisten passieren! ;-) Da habe ich mich noch über den ellenlangen Kommentar unter 9 geärgert … *Narf*

    Der Artikel wurde mir zwischenzeitlich schon gemailt und dann gibt es ja auch noch Google Cache…

  13. Die Fahne die derzeit am häufigsten in antifaschistisch dominierten Jugendzentren zu sehen ist, ist immer noch die Israelische. DDR-Fahnen, vor allem in der ostdeutschen Antifaszene sind eigentlich verboten, da die Ostzone, wenn sie auch etwas sozialer war als die BRD, ziemlich treffsicher als “typisch deutsch” analysiert wurde. Und was die Faschisten betraf, lieber Herr Holmes, das ist die Antifa zum großen Teil weiter als es ihrem Weltbild lieb sein kann. Der Unterschied zwischen den beiden Begriffen Neonazis und Neofaschisten ist ein oft diskutiertes Detail innerhalb der Szene. Welche Gruppe sich nun für welchen Begriff erwärmt, zeigt einem auch auf, wie fortschrittlich sie ist. Auch die Bündnisfrage ist schon immer eine vieldiskutierte gewesen: Bündnisse mit der CDU gab es im Osten der Republik schon Ende der 90er Jahre, die AAB hatte auch nie Probleme mit ‘neoliberalen’ Sendern wie MTV zu kooperieren. Also falls Holmes in seiner Antifazeit so dogmatische Sichtweisen kennengelernt haben sollte, dann vielleicht bei der SDAJ, aber nicht bei der öffentlichkeitsgeilen Autonomen Antifa.

    Kann es sein, dass Du da sehr stark von den Berliner oder ostdeutschen Verhältnissen ausgehst und von der Altersgruppe 20-25? Bei uns in Nordwestdeutschland ist das alles völlig anders. Dass die Antifaszene in Antideutsche und Antiimperialisten zerfällt würde ich nicht sagen.

    Die dogmatische Art Antiimperialisten, die Israel als Feindstaat betrachtet und sich an nationalen Guerrillabewegungen orientiert würde ich bei den maoistischen schlägern der RIM, Sekten wie Antiimperialista oder den Stalinisten der MLPD verorten, aber nicht bei Antifas und Autonomen.

    Und die Kurzformantiimps bezeichnet das legale UnterstützerInnenumfeld der RAF, eine Szene, die es seit 12-15 Jahren nicht mehr gibt. Wenn bei uns von Antiimperialismus gesprochen wird, ist meist der Neue Antiimperialismus gemeint, der, begründet in den frühen Achtzigern, so neu auch nicht mehr ist und sehr viel mit der Solidarität mit Armutsbewegungen, Hungeraufständen, Bauernrevolten und Frauenkämpfen in der Dritten Welt zu tun hat und einem sozialrevolutionären Bezug auf den Kampf um das unmittelbare Existenzrecht.

    In Göttingen sind Linke oft gleichzeitig Antideutsche und Antiimperialisten. Sie gebrauchen Parolen wie “Deutschland muss sterben, damit wir leben können!” “Oder Mehr Bomben auf Dresden!”, sind aber für Palästina-Solidarität - wohlgemerkt auf Seiten der laizistischen Gruppen wie Fatah oder DFLP und gegen die Hamas. Antideutsche haben dort auch die Mobilisierung gegen Heiligendamm mitgetragen.

    In Hamburg sind Antideutsche tendenziell eher Altlinke 50+ ohne Szeneaktivitäten, die Antifa-Szene wird dort durch Pauli-Fans (klassische Autonome im Stil der Achtziger Jahre, auch wenn die erst 20 sind)und Sharp-Skins geprägt. In Bremen sind die VerteterInnen des Neuen Antiimperialismus gemeinsam mit Flüchtlingsselbstorganisationen wie Libasoli und Jugendliche ohne Grenzen der Mainstream der verbleibenden Restlinken. Wenn ich sagen würde, welche Fahne für ein antifaschistisches Zentrum bei uns typisch ist, dann ist das entweder eine schwarze Flagge mit Totenkopf und gekreuzten Entermessern, oder schwarzrot mit schwarzrotem Stern.

  14. Man sollte mal diese düstere Affinität zum Anarchismus analysieren. Voluntarismus, Kurzundkleinschlagerei, Avantgarde des Individualterrors. Proudhon, Stirner, Kropotkin. Sowas finden Liberale gut? Weil im Naturzustand der Staat schlank ist? Ich bin entsetzt! Da tun sich ja Abgründe auf!

  15. He moderner Che!

    Recht hast Du, was die Fahnenwahl betrifft, aber der Übergang von dogmatischen Schlägern als Feinde Israels in die autonome Antifaszene ist fliessend und diese Bewegung kommt meines Erachtens aus westdeutschen Städten.

    P.S. Fühlst Du dich als Sozialrevolutionär (wegen deinem Namen)?

  16. Ich bin Sozialrevolutionär aus dem Umfeld Materialien/Wildcat. Meinen Namen trage ich wegen einer Szene aus meiner Vergangenheit (siehe Geleitwort auf meinem Blog).

  17. Es mag durchaus sein, dass es regional Unterschiede gibt, aber - ohne allzu sehr aus dem Nähkästchen zu plaudern - was Che2001 hier über die Situation in Nordwestdeutschland erzählt ist auch nur eine subjektive Wahrnehmung seines Umfeldes…

  18. Ich bin Sozialrevolutionär aus dem Umfeld Materialien/Wildcat.

    Ist das ansteckend? Vielleicht sollten Sie damit einmal zum Arzt gehen, möglichweise können Sie ja noch geheilt werden…

  19. In Göttingen sind Linke oft gleichzeitig Antideutsche und Antiimperialisten. Sie gebrauchen Parolen wie “Deutschland muss sterben, damit wir leben können!” “Oder Mehr Bomben auf Dresden!”, sind aber für Palästina-Solidarität - wohlgemerkt auf Seiten der laizistischen Gruppen wie Fatah oder DFLP und gegen die Hamas. Antideutsche haben dort auch die Mobilisierung gegen Heiligendamm mitgetragen.

    du warst lange nicht mehr in göttingen, stimmts? so seit 15 jahren nicht mehr…
    ohne zuviel verraten zu wollen: in göttingen schaut es ganz, ganz anders aus. in hh zum beispiel auch…

  20. Plauder doch mal ganz unverbindlich aus dem Nähkästchen Subwave, sonst müsst ich in die Szene sumpfen um zu verstehen was du meinst !

  21. @pjot-r: ganz einfach, in göttingen gibt es die von che beschriebenen antideutschen nicht. mag sein das leute pro-pali sind und gleichzeitig die zitierten parolen rufen, aber eher aus einem punkrock-gefühl heraus, denn aus der verbundenheit zu dem, was man unter “antideutsch” so versteht. würde man diese als antideutsch bezeichnen wären die sicherlich nicht so froh darüber, um es vorsichtig auszudrücken. ich denke, che verallgemeinert hier seine subjektive wahrnehmung der jeweiligen szenen. so wie er es beschrieben hat ist es weder in gö, noch in hh

  22. [...] Außer den Hinweis an besonders witzige (ha, ha, ich lach mich Schrott) Kommentarschreibern wie „egal“ auf dem linksextremen „Bad Blog“ („Holmes soll sich mal nicht für so wichtig halten. Der [...]

  23. [...] ein Argument und zu guter letzt auch noch soetwas wie waschechte Kommunisten. Also pickte er sich den sarkastischen Kommentar von ‘egal’ heraus, nachdem Herr Holmes keine Angst zu haben braucht, weil er ja garnicht auf der Todesliste - [...]

  24. [...] sich nämlich gegenüber Ingo Way als derjenige geoutet, der die guten Achsenmächte dazu brachte den berüchtigten Text von Michael Holmes zur Antifa auf ihrer Seite zu löschen. So weit, so gut, so schlecht. Ingo Way nimmt den denunziatorischen [...]

  25. [...] ehemaligen Genossen abzurechnen. Der Kollege Edward E. Nigma hat zu dem Artikel von Holmes ja eine sehr vortreffliche Replik verfasst, die einige der Antifakritiker allerdings in den falschen Hals bekommen haben, was nicht [...]

  26. [...] nach der für mich völlig unverständlichen Löschung des Beitrags es ist nicht alles schlecht an der Antifa von Michael Holmes auf der Achse des Guten, in dem er auf den Linksextremismus der real [...]

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