Lasst uns in Ruhe?
Thursday, May 29, 2008
Wenn “Hausbesetzer_Innen, Künstler_Innen und andere Freaks” sich über sogenannte Yuppies in “ihren” Bezirken aufregen, wird’s immer recht pikant. Die eigentlich so welt- und menschenoffenen Linken fordern mit antikapitalistischen Duktus nichts anderes als ihre ganz eigenen befreiten Zonen - die Nazis wollten nicht von dem Anblick eines türkischen Dönerverkäufers behelligt werden, die Anti-Yuppie-Linke will überhaupt nicht behelligt werden. Am Liebsten lebt sie abgeschottet vom Rest der Welt in kollektiv-besetzten Halbruinen zusammen mit ihren Hunden in ranzigen Jugendclubs (oder in ranzigen Jugendclubsurrogats) mit Billigkaffe und Vokü. Es gibt wohl Leute, die zwar jeden der eine muslimische Zwangsehe nicht als Menschenrecht ansieht als Rassisten beschimpfen, selber aber nie aus der Trickfilmwelt ihres Kiezdorfes herauskommen und höchstens zu irgendeinem Krawallaufmarsch mal die hiesige Stadt verlassen. Bei manchen definiert sich die eigene Weltoffenheit scheinbar dadurch sich einmal im Jahr beim Karneval der Kulturen zu besaufen oder Capoeira zu lernen, die antikapitalistisch-korrekte Alternative zu bösem Yuppiesport in hygienischen (pfuiii!) Kommerzmuckibuden.
Eine teilweise berechtigte Kritik an diversen Stadtplanungsprojekten, die keinen Hehl daraus machen, dass bestimmte Menschengruppen nicht mehr im Zentrum einer Weltstadt erwünscht sind und abgeschoben werden sollen, kriegen sie aber nicht auf die Reihe. Sie sind praktisch nur mit ihrem eigenen prekären Selbst beschäftigt. Distinktion ist das große Stichwort, die Gruppe ist da jetzt muss sie nur noch abgeschottet werden. Bei dem uralten Anzugträgerfeindbild “Yuppie” bleibt es ja nicht, für die Kiezlinken sind längst auch die ausländischen Touristen eine bedrohliche Zersetzungsgefahr, die scheinbar genau wie die Yuppies “gefickt” gehört.
Kritik ist ihnen ein Fremdwort, stattdessen wird gemault und genörgelt wie am Stammtisch, darüber das jetzt alles den Bach runtergeht und früher alles rosarot und einfach war. Die Aufrufe lesen sich immer gleich: “Lasst uns in unserem linken Mief in Ruhe!” Immer wieder offenbaren sie wie wenig sie die Realität interessiert: randalierende Jugendliche sind da auf einmal nicht mehr akzeptiert und an allem ist wahrscheinlich die New Economy Schuld. Aus solchen theoretischen Eigenwilligkeiten und einer so ausgeprägten Meckpomm-Mentalität kann sich natürlich kein aufklärerischer Aufruf speisen: inhaltlich lahm, strotzt auch noch alles vor infantilen Neologismen. Außerdem: wer seinen Bezirk nicht verlässt und den Amerikanern wahrscheinlich die Pest an den Hals wünscht, sollte vielleicht auf englische Plakate verzichten. In einem lächerlichen Schulenglisch und mit einer undenkbaren deutschen Arroganz wird da nach “leftwing freespaces” gerufen. Selbst 15-jährige DDR-Zöglinge mit Zwangsrussisch, abgeschottet vom Rest der Welt konnten “Rappers Delight” in ein Mikro rappen ohne ein einziges Wort zu verstehen. Die Yuppie-Hater im 20. Semester fordern mit einer selbstverständlichen Inkompetenz “leftwing freespaces” und meinen damit nicht mehr als eine von links befreite Zone Berlin ohne Vielfalt, ohne Touristen und ohne geweißte Fassaden.
Sich von einem Gegenstand wirklich einen Begriff zu machen, gelingt vielen Erdenbewohner immer seltener. Ideologischen Prämissen, egal welcher Art, sorgen für eine rosa Brille durch die man den zu verhandelnden Gegenstand betrachtet. So verrät zum Beispiel die Wahl des Wortes “Zionazi”, dass es sich bei dem Benutzer um einen veritablen Antisemiten handelt, da er die Gleichsetzung von Nationalsozialisten und Zionisten in einem Wort für satifaktionsfähig hält. So sehen ich das zumindest. Doch damit stehe ich wohl recht allein da:
„Dass Amerika angeblich die gleichen Verbrechen verübte, die sie ihrer deutschen Elterngeneration vorhielten, gab den jungen Linken das gerade noch so vehement negierte Vaterland zurück. Im projektiven antifaschistischen Widerstand gegen die USA bügelten sie den nationalen Selbstverlust aus, den Deutschland durch die unvergleichliche Katastrophe des Nationalsozialismus erlitten hatte. Im Kampf gegen Nazi-Amerika konnte man jetzt endlich wieder ein guter Deutscher sein. Der Antiamerikanismus der Linken war die einzig zeitgemäße Möglichkeit, den nationalen Widerstandsgeist gegen die fremden Eroberer zu retten.“