Kick it like Ronaldo!
Kaffee trinken, Fluppe schnorren, Zähne putzen, Mageninhalt entleeren und Emails lesen sind Dinge die ich jeden Tag mindestens einmal feierlich als routinierte Rituale des täglichen Lebens zelebriere. Dabei kommt einem so manch köstlicher Leckerbissen ebenso wie die schlimmsten Scheißhaufen unter die Augen, vor allem beim Lesen der Emails. Heute schafften es die Mädels und Jungs vom Bündnis Aktiver Fußball Fans (BAFF) ihren Haufen völlig ungefragt direkt in meine Wohlfühlsphäre zu setzen. In ihrer Mail kritisieren jene “aktiven Fußballfans”, die sich unbedingt in einem eingetragenen Verein organisieren müssen, die von der DFL festgelegten Anstoßzeiten für die kommende Saison in typisch deutscher Manier: “Unter dem Deckmantel der “internationalen Rahmenbedingungen” schafft die Deutsche Fußball Liga (DFL) englische Verhältnisse im deutschen Fußball und widerspricht damit dem, was sie noch vor kurzem den Fans zugesagt hat. Das Bündnis Aktiver Fußball Fans (BAFF) protestiert gegen die fanfeindlichen Anstoßzeiten.” Quelle.
So klingt also links angehauchte Globalisierungskritik auf fußballerdeutsch. Das Fußball, meine proletarische Leidenschaft fürs Wochenende, entgegen aller Beteuerungen auch etwas mit Politik zu tun hat, sollte hier keine neue Erkenntnis sein. Aber so manch andere Binse scheint den ehemals antifaschistischen Experten vom BAFF völlig unbekannt zu sein:
“In Deutschland hatte es Fußball zunächst schwer sich gegen die Turnvereine durchzusetzen. Turnen war Ende des 19.Jahrhunderts Volkssport Nummer 1. Für die nationalistisch eingestellten Turnvereine war Fußball ein importierter, undeutscher Sport, den es zu bekämpfen galt. So wurde Fußball zunächst sogar verboten, was der Popularität des Sports aber nur zu Gute kam. Weiterhin wurde Fußball von vielen als willkommene Ergänzung zum Tunsport gesehen. Die Entwicklung des Fußballs nahm in Deutschland einen ähnlichen Verlauf wie in England. Ausgehend von den Schulen, wo Fußball erstmalig 1874 im Unterricht vorkam wurde, wurde Fußball schnell von den Arbeitervereinen aufgenommen und entwickelte sich auch hier zu einem Arbeitersport. Die Zuschauerzahlen stiegen in Deutschland schleppender als in England. Das erste DFB-Pokalendspiel wurde 1903 auf einem Exerzierplatz in Altona noch vor 1.500 Zuschauern ausgetragen. …
Nach Deutschland gebracht wurde der Fußball, wie fast überall auf der Welt, von emigrierten Briten.” Quelle.
Also noch einmal zusammengefasst: Fußball galt vor 100 Jahren in Deutschland als zutiefst „undeutsche“ Beschäftigung, u.a. deshalb da es für Männer als unschicklich galt, sich öffentlich in kurzen Hosen zu zeigen und es die Sportart des Erzfeindes war. Die Presse monierte zu dieser Zeit die Tatsache, dass Fußball meist von sozial besser gestellten Bevölkerungsschichten ausgeübt wurde. Und die damalige Gegenbewegung der Turner kann man wenigstens als latent antisemitisch bezeichnen. Vulgo, wenn es damals nicht die “internationalen Rahmenbedingungen” (aka die Globalisierung) gegeben hätte, wären heutzutage niemals englische Verhältnisse im deutschen Fußball zu beklagen. Doch soweit können die BAFF-Experten nicht denken: den deutschnationalen Lobbyisten fällt gleichfalls nicht auf, das ihr Schrei nach einem deutschen Sonderweg in der internationalen Sportvermarktung, ungefähr aufs Selbe hinausläuft als hätten die Weber in Schlesien ernsthaft gehofft mit ihrem lokal begrenzten Aufstand eine weltweite Entwicklung aufzuhalten.
Konnten die schlesischen Weber in ihrer Situation historisch gesehen vielleicht noch etwas Hoffnung haben, so ist die pampige Mail des BAFF einzig und allein hilflos formulierte Wut, die sich gegen entäußerte Feinde richtet, da die eigentlichen Adressaten der Kritik unerreichbar sind. So werden also altbekannte Ressentiments geschürt, anstatt die Daumen zu drücken, dass bald wirklich englische Verhältnisse im deutschen Fußball einziehen: Wenn ich Cristiano Ronaldo, Fernando Torres und Francesc „Cesc“ Fàbregas auf dem Spielfeld zu Gesicht bekommen kann, gehe ich dafür auch Freitag Nacht oder Sonntagmittag ins Stadion. Wenn die Spacken vom BAFF dagegen, der Authentizität wegen, lieber in der 5. Liga Fußball schauen wollen, mir egal, Hauptsache ick höre ihr jämmerliches Gezeter nicht mehr…
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