Die Auschwitzkeule wechselt die Seiten…
Wednesday, June 25, 2008
Wenn du die Meinungs- und Redefreiheit verteidigst, antworte ich mit Auschwitz, so ungefähr kann man ein Streitgespräch zwischen Matthias Matussek und Michel Friedman zusammenfassen, welches derzeit bei Spiegel Online auf der Startseite einen prominenten Platz gefunden hat. Am Anfang dreht sich das Gespräch noch um das Hickhack, was die Absetzung von “Idomeneo” durch die Intendantin der Deutschen Oper Berlin, ausgelöst hat, doch recht schnell wird das Gespräch allgemein. Der deutsche Moralist Matussek würgt dabei recht früh eines von Friedmans Argumenten mit einem neuen rhetorischen Kniff ab, der in Deutschland wohl bald die Runde machen wird:
“Frage: Im Ernst: Lassen wir uns nicht durch Fundamentalisten unsere freiheitlichen Werte kaputtmachen?
Matussek: Das sagt ja Friedman: Wir dürfen nicht zurückweichen. Ich will Ihnen jetzt was sehr Ernstes sagen: Religion ist das Innigste, was der Mensch hat. Mit ihr entscheidet der Mensch sein Verhältnis zur Welt, zum Leben. Religion ist ein sehr, sehr sensibler Raum – der zu schützen ist. Jeder sollte es sich zweimal überlegen, ob er das Sensitivste des Menschen beleidigt.
Friedman: Schön, aber: nur eines gläubigen Menschen. Denn, wie Sie das sagen, könnte man meinen, wir lebten noch im Mittelalter, wo alle bedingungs- und gedankenlos lebten. Das ist aber nicht mehr so. Es gibt für gläubige Menschen tatsächlich einen Respektraum. Der darf aber nicht dazu führen, dass Menschen, die nicht glauben, nicht mehr kritisch mit Religion umgehen können.
Frage: Noch mal zurück zum spezifischen Fall: Ist es, Herr Friedman, nicht das geringere Übel, eine Karikatur nicht abzudrucken – auch wenn ich dabei vielleicht unsere freiheitlichen Werte untergrabe –, wenn auf der anderen Seite das Risiko steht, dass Menschen ihr Leben verlieren?
Friedman: Man muss es sehr genau und verantwortungsbewusst abwägen. Aber: Das sind ja nun Präzedenzfälle, die nicht nur religiös bedingt sind. Wenn jemand etwas ausdrücken will, es aber nicht kann oder darf, weil es eine Gewaltreaktion der Gruppe gibt, die es betrifft, dann können wir aufhören, zu reden, was wir denken. Zwar muss es für bestimmte Bereiche auch Konsequenzen geben dürfen, aber grundsätzlich gilt: Wenn jemand etwas sagen will, muss er es sagen dürfen.
Matussek: Wie ist das, wenn ich sagen würde: Auschwitz hat es nicht gegeben.
Friedman: Dann müssen Sie das sagen dürfen, wissen aber um die gesetzlichen Konsequenzen, die das für Sie haben wird.
Matussek: Sie würden also das Strafgesetzbuch bemühen, um mir die Klappe zu verbieten …
Friedman: … nein, nein …
Matussek: (wird laut) Aber sicher! Ich würde dafür in den Knast gehen. Also: Redefreiheit hat ihre Grenzen. Ich finde, es gibt Dinge, die darf man nicht sagen.
Friedman: Und ich finde, bevor jemand etwas im kleinen Kreis verbreitet, soll er es lieber in der Öffentlichkeit sagen. Die Gesellschaft muss es hören können!”
Nochmal langsam, ein christlicher Fundamentalist verteidigt den Wahn islamistischer Terroristen gegenüber einem jüdischen Journalisten mit dem Verweis darauf, dass man in Deutschland für die Leugnung des industriellen Massenmordes an den Juden vor Gericht gestellt wird, dies ist ein Präzidenzfall. Und zwar einer, der deutlich macht, dass die intellektuellen Deutschen ihre (Nazi-)Geschichte nun gegen jene richten, die als Nachfahren der Opfer sich dem neuen deutschen (Appeasement-)Wahn widersetzen, nur um vermeintlich die eigene Haut zu retten. Aber dass soll ja noch nicht alles sein:
“Matussek: Sie sagen, Meinungsfreiheit sei grenzenlos.
Friedman: Nein, das habe ich nicht gesagt. Meinungsfreiheit ist ein Wert an sich, der in Konflikt mit anderen Werten steht. Jeder muss für sich selbst entscheiden können, welchen Wert er persönlich höher stellt – soweit er auch zur gesellschaftlichen Konfrontation bereit ist. Übrigens: Vor hundert oder 200 Jahren hätten Dinge, für die Sie heute auf die Barrikaden gehen würden, nie gesagt werden dürfen. So verändert sich das Tabu in der Gesellschaft. Wer also enttabuisiert, setzt Gedankenprozesse in Gang. Auch wenn diese weh tun, das muss möglich sein.
Matussek: Ach, das ist mir alles zu kompliziert …
Friedman: … tja, das habe ich vom SPIEGEL gelernt, kompliziert zu argumentieren! (lacht)
Matussek: … auf der einen Seite sagen Sie: Alles muss gemacht werden dürfen, auf der anderen reden Sie von gesetzlichen Konsequenzen. Das ist der Widerspruch, den Sie nie auflösen werden können. Ich darf nämlich zum Beispiel nicht sagen: Man soll die Juden ermorden.
Friedman: Doch! Sie dürfen es sagen. Sie müssen nur die Konsequenzen daraus ziehen.
Matussek: Moment, also – erstens werde ich es nicht sagen, und zweitens: Wenn die Sanktion des Strafgesetzbuchs existiert, wenn ich dafür bestraft werden kann, ist doch meine Freiheit nichts wert. ”
Mit dem Verweis darauf, dass er nicht ungestraft Auschwitz leugnen und zum Massenmord an Juden aufrufen kann, verteidigt Matussek die Einschränkung der Redefreiheit im Falle der Oper “Idomeneo”. Er würde die Oper absetzen, da er sich gar nicht ausmalen möchte, was dann in der Westbank passiert. Komischerweise sind die religiösen Eliten bzw. Stätten der Islamos eigentlich nicht in der Westbank angesiedelt. Dort lebt nur jener Teil der religiös-politischen Fanatiker, vor denen Matussek zumindest Angst, womöglich aber auch Respekt hat, da sie ja den Massenmord an den Juden zumindest versuchen in die Tat umzusetzen…
Das Friedman sich in dem Interview eher lasch aus der Affäre zieht, ist auch ein Teil des Problems. Man braucht nicht wirklich tief in die Trickkiste zu greifen um auch dem cholerischen Kulturdeppen Matussek verständlich zu machen, dass aufgrund der Einmaligkeit der Shoa es sich nicht anbietet die Leugnung dieser ungläubligen Bluttat als Akt der Redefreiheit zu verbrämen. Doch dazu war weder Friedman, noch Raphael Geiger, der das Interview führte, in der Lage, und genau deshalb wird die Auschwitzkeule in Zukunft wohl verstärkt aus einer ganz anderen Richtung kommen…