Schwarzbrot für Schwarzafrika!

Als Bösewicht auf diesem Blog hat es man in der ausgesuchten, aber auch unfreiwilligen Recherche mit den Guten dieser Welt zu tun. Weil diese Guten in ihrer Parteinahme für die Unterdrückten und Ausgebeuteten und ihrem Hass auf die Unterdrücker und Ausbeuter die gesellschaftskritischen Grundlagen ihrer Granden verraten und die an Gesellschaftskritik nicht einmal denkenden, wirklich Bösen protegieren. Eigenartig: Obwohl das Leben nicht weniger falsch und das Ganze nicht weniger unwahr ist, scheinen die Guten sogar in der Mehrheit zu sein. Wer macht sich nicht alles Gedanken über den Kampf der Kulturen und den Krieg der Geschlechter? Wer kauft nicht alles Bioprodukte und Energiesparlampen gegen den Klimawandel?

Und schließlich - wer wird nicht alles von Knut findet-alles-gut Elstermann zum Kinomagazin von Radio Eins eingeladen? Jeden Samstag zwischen 12 und 14 Uhr ist der fanatische Fahnder des jungen, deutschen Kinos die erste Adresse für eine Hörerschaft aus junggebliebenen Alt-68ern, Rot-Grün wählenden Gutmenschen-Yuppies und postchristlichen Dekadence-Moralisten sowie für in erster Linie deutsche Filmemacher und Schauspieler mit genau dieser Zielgruppe und genau demselben deutschen Denken.

Heute war der erst zu den Guten konvertierte Christof Wackernagel geladen, seinen neuen Film “Der Weiße mit dem Schwarzbrot” vorzustellen, den die Zitty als “…herrlich politisch unkorrekt, kurzweilig, leicht, humorvoll und subjektiv im besten Sinne” adelte. Dass Wackernagel RAF-Mitglied war und darum 10 Jahre im Gefängnis saß, dürfte schon deshalb bekannt sein, weil er selbst keinen Hehl daraus macht.
Dass er nach der ideologischen Linkswende wieder als Schauspieler rehabilitiert ist, hindert ihn aber natürlich nicht daran, sich auch im Interview mit Knut Elstermann als von den deutschen Medien verfolgte Unschuld aufzuspielen. Sein in Mali gedrehtes, autobiographisches Machwerk über seine sogar eingestanden egoistische Unternehmung vor Ort eine Schwarzbrotbäckerei zu bauen, um zuvörderst sich und der deutschen Gemeinde dort einen kulinarischen Gefallen zu tun, konnte er bei Kino-Knut lang und breit bewerben, ohne auch nur ein kritisches Nachhaken fürchten zu müssen. Abgesehen von der sich aufdrängenden Frage, was zum Teufel Wackernagel Ùberhaupt nach Afrika treibt, will das anti-idealistische Schwarzbrot-Motiv tatsächlich recht undeutsch erscheinen.

Erst auf Elstermanns gespielten Eurozentrismus-Vorwurf packt Wackernagel aus, was ein überzeugter Linksradikaler auch nach 10 Jahren Knast in seinem Koffer mit sich trägt und tragen darf. Schwarzbrot ist nämlich nicht wie freedom and democracy ein arrrogant anmaßendes Exportprodukt des imperialistischen Westens. Der Sauerteig als Basis des guten, alten Schwarzbrots, so Wackernagel, stammte von den Ägyptern und kam von dort erst nach Europa. Umgekehrt sei das schlecht sättigende Weißbrot im Kontext des Kolonialismus von den Franzosen nach Afrika gebracht worden und verantwortlich für den viel besungenen Hunger der Kinder. Wackernagel beweist eindrucksvoll, dass man aus den absurdesten Geschichten noch krudere Verschwörungstheorien machen kann. Außerdem saturiert er die Hörer von Radio Eins, die einen ihrer Terroristen der Herzen zunächst noch für verrückt erklären wollten, weil sie ihren antiimperialistischen Öko-Pax-Antifaschismus für normal und nicht das ideologische Kontinuum des nationalsozialistischen Wahns halten müssen.

Dass Wackernagel sich im Studio wie Goebbels benahm, wie besessen voll Pathos und Paranoia triefende Moralpredigten sowie aggressive Anklagen zum Besten gab, der Film bestenfalls ein Anlass für die Agit-Propaganda war und die zahlreichen Opfer der RAF zu Fußnoten einer Bewegung auf der Suche nach den richtigen Mitteln degradiert wurden, all das, hält eine ideologisch auch an Radio Eins geschulte Hörerschaft mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für normal. Sie lauscht genauso besessen Wackernagel, wenn er sich noch heute zu seinen Idealen von gestern bekennt, sinngemäß die Welt in reich und arm, in die, die sich satt fressen und die, die verhungern, simplifiziert und die Vernichtung von Menschenleben (zunächst einmal) für nicht redliche Mittel im globalen Befreiungskampf hält und man stattdessen im Kleinen etwas tun müsse. Hurra, Schwarzbrot nach Schwarzafrika!

Das einzige, was er wirklich gegen den Konsens verteidigen muss und ihn zunächst in die Nähe eines dieser schwarzbrot-fressenden Eurozentristen gerückt hat, versteht er schließlich noch mit einer Geschichte aus der Welt zu schaffen, die wenn sie nicht zutiefst verlogen und menschenverachtend, richtig lustig wäre. Es sei Unsinn, dass wir - wer auch immer das im alten Europa bis auf Ausnahmen von der Regel sein soll - unser Gleichheitsideal der Geschlechter dort anwenden wollen. Frauen und Männer sind, Wackernagel zufolge, dort bereits gleich - nur anders. Die Frauen hätten gar keinen Bock, gemeinsam mit den Männern zu essen. Dass dies - gesetzt den Fall, dass es überhaupt stimmt - sicherlich nicht das ist, woran kommunistische und liberale Humanisten denken, wenn sie universale Geschlechtertgleichheit fordern und das der mögliche, denn durchaus verständliche Unwille der Frauen gerade in der patriarchalen Herrschaft des Mannes begründet liegen kann, kommt ihm nicht in den Sinn. Statt dessen wechselt er sein Kostüm und spielt nun nicht mehr den Märtyerer der guten Sache, sondern den Enthüller der bösen Machenschaften, die die angeblich nur selbsternannten Humanisten des inhumanen Westens umtreiben.

Zu schlechter Letzt gibt Elstermann wieder das Stichwort, diesmal für Wackernagels Versöhnung mit der Volksgemeinschaft. Als Höhepunkt des Films - über den zur Abwechslung auch noch geredet wurde - bezeichnete er die nicht zuletzt wegen ihrer Authenzität so rührselige Geschichte Wackernagels ungleicher Freundschaft mit dem Polizisten, mit dem er sich noch vor seiner Verhaftung eine wilde Schießerei geliefert hatte. Wackernagel berichtet von dem Tag, als er aus dem Gefängnis entlassen wurde und der Polizist vor den Toren stand. Der Beamte sei stolz auf ihn gewesen, teilte einerseits seine Weltanschauung und begrüßte andererseits seine Einsicht in gewaltloses Engagement.
Dass Elstermann zuvor schon den Wackernagel auf den Kopf getroffen hat, als er ihn fragte, ob das gewaltlose Engagement seine Biographie verschönern solle, spricht keineswegs für den Moderator. Letztlich haben die Guten einem ehemals ordinären, sich moralisch legitimierenden Verbrecher und heutigen Gesinnungstäter nicht nur ein Podium geboten, um seinen gemeinsam mit einem an Vergangenheitsverklärung interessierten Neffen gedrehten Film zu bewerben. Sie haben ihm auch noch im eigenen Interesse die Gelegenheit verschafft, sich mit weltverbesserischen Parolen an das Klientel von Radio Eins anzubiedern. Die gute Sache der Deutschen, der sich auch Radio Eins verschrieben hat, darf sich nach der öffentlich unter Beweis gestellten Läuterung eines ehemaligen Terroristen über personellen Zuwachs freuen. Terroranschläge sollen den Islamisten vorbehalten bleiben. Schließlich haben sie die moralisch besseren Gründe und verstehen mehr vom Fach. Als guter Deutscher schafft man lieber Schwarzbrot nach Schwarzafrika.

Comments (1) to “Schwarzbrot für Schwarzafrika!”

  1. guns dont kill people.
    schwarzbrot do.

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